Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

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und konkaven, fächerartigen lind gegraupten
Muscheln, mit Urnen und Flammen, mit Kelch-
nnd Traubengehängen (bei denen die Trauben
und Blumenkelche nach unten immer kleiner
werden, am ähnlichsten denen in Wolfegg und
Schönenberg),mit Akanthineen und gezähnten Ein-
fassungen der Kanten, mit Kreuzeil, Kronen und
Palmblättern und sogar mit docken- oder bal-
lusterartigen Ziergliedern zwischen den Säulen.

Die Gemälde.

Eine Hauptaufgabe der Restauration ivar die
Erneuerung der zahlreichen gemalten Bilder und
Bildchen, lvelche die Kirche schmücken. Es sind
sieben große Altarblätter und sieben kleinere Ge-
mälde in den Altarbekrönungen, zwei Tasel-
gemälde an den Schiffswänden, eine Reihe
kleinerer Bildchen an den Beichtstühlen, an der
Kanzel, über einer Thüre und an der Sedilien-
ivand; sodann elf größere Bilder an den Brüst-
llngen der beiden Emporeil und endlich die Sta-
tionenbilder. Stadtpfarrer Ströbele hat diese Auf-
gabedem ihm wohlbekannten Kunstmaler Schultis in
Freiburg i. B. übertragen und, wenn man auf seine
bescheideneil Anforderungen und seiil künstlerisches
Könneil zugleich schaut, hätte kaum eine bessere Kraft
gewoililen werden können. Schultis ist aus der
Beuroncr Schule hervorgegangen, in lvelcher er
der bevorzllgte Schüler des seligen Pater Gabriel
Wäger war, nnb hat einst die Stationeil in der
Stuttgarter Marienkirche malen helfeil. Auch nach
dem Austritt aus dem Orden, dem er als Laien-
brlider angehört hat, steht er 311 Beuron in den
besten Beziehungen nnb macht durch seiil kunst-
geschichtliches Wissen nnb seiil gesetztes Wesen den
besten Eindruck. In seiner Kunst ist er voil der
Benroner Formenstrenge zu einer freieren, etivas
realistischeren Richtung übergegangeil. Die hie-
sigen Bilder hat er sehr pietätsvoll behandelt.
Dieselbeil haben den Charakter der Malerei der
ersten Dezennien des vorigen Jahrhunderts be-
wahrt. Der Künstler ist auch der Versuchung
widerstanden, durch grellere Farben dem Volks-
geschmack zu schmeicheln; aber sie sind in ihrer
vollen ursprünglichen Frische ivieder hergestellt;
nur was das religiöse und künstlerische Empfin-
den des Meisters verletzte, hat er geändert. Da
sind gewisse körperliche Anschwellungen eingezogen,
nackte Theile mehr bekleidet, Disharmonie aus-
geglichen, Verzeichnungen beseitigt ivorden. Der
ganze Gemäldeschmuck hat jetzt in der Farben-
gebung einen harmonischen einheitlichen Charakter
erhalteil und stellt eine sehr würdige malerische
Ausstattung des schönen Gotteshallses dar.

Der Hochaltar ist ohne gemaltes Bild. Der
Kredenzaltar trägt ein sehr schönes Gemälde,
ivelches voil Bischof v. Hefele einst für das
schönste Bild der Kirche erklärt worden sein soll.
Eiil Engel in weißem Gewände schwebt von Gott
Vater mit Kreuz und Kelch zum Jesuskind her-
ilieder, das von der ganzen hl. Sippe, Maria
und Joseph, Elisabeth nnb St. ') nna, Joachim
und Zacharias und dem kleinen Johannes um-
geben ist. Der weiche Linlensluß und die vor-
treffliche Komposition, welche alle Gestalteil zu
einer wunderbareil Einheit und Seelengemein-
fchaft zusammenschließt, die edleil und ausdrucks-
volleil Gesichter und die harmonische Abtönung der

Farben machen dieses Bild wirklich gn einem
Kunstwerk. Dasselbe trägt ben Künstlernamen
Kaspar Waldmann und die Jahreszahl 1709. —
Der rechte vordere Seitenaltar hat ebenfalls ein
schönes Oelgemälde. Die markigen Gestalten der
heiligen drei Könige in ihren prächtigen Gewän-
dern eriilnern an Paolo Veronese. Aber trotzdem
zieht das angebetete Kind am meisten die Auf-
merksamkeit des Beschauers ans sich. Oben schwebt
eiil lieblicher singender und lnusizierender Engel-
chor. — Das Bild auf dem entsprechenden Altar
der schmerzhafteil Mutter zeigt den vom Kreuze
abgenomnlenen Heiland auf denl Schooß Mariens.
Das Volk nennt das Bild „die Ablösung" und
hegt gegeil dasselbe eine besondere Devotion.
Martin Wetter, der auch unter den Malern in
Marchthal vorkommt (siehe Birkler, die Kirche in
Obermarchthal, Stuttgart, Roth. 1893. S. 37),
hat es 1730 gemalt (was mit Greiderers Angabe
übereinstimmt>. Weller besaß offenbar Talent,
arbeitete aber zu flüchtig. Der rechte Arm Christi
war gang verzeichnet und die Lage des Leichnanls
unnatürlich gezwungen. Schliltis hat dieseil
Mäilgeln so iveit als möglich abgeholfeil. Dieses
Bild ist voil ihlil am meisten veräildert, aber auch
etlvas modernifirt worden. Die Schmerzens-
mutter hat jetzt einen ergreifenden Ausdruck.
Der nackte Leib des Heilands zieht die Aufinerk-
samkeit von weitem auf sich. Die Gruppierung
der drei männlichen nnb drei weiblichen Gestalten
um deil vom Kreuze Abgenommenen lind unter
denl Kreuze ist wohl gelungen. Die Engel über
de»l Kreuz halten die siebeil Schwerter gegen eiil
slainineildes und in hinlinlischem Licht ergiänzen-
des Herz. Auf de»l St. Annaaltar siild die et-
ivas herben Gestalteil des (durch Schultis grau-
haarig gewordenen) hl. Joachim nnb der hl. Anna
z>l sehen, wie sie ihr liebliches Kiild zum Tempel
bringen. Das Bild war durch 'Austrocknen arg
verdorbeil, ist aber jetzt wieder wie neu. Es
trägt den Rainen I. P. Lauter V. B. Ob aber
die 'Analogien, welche es mit dem Dreikönigsbild
hat, beweisen, daß Sauter auch jenes gemalt hat,
scheint sehr zweifelhaft. Alle anderen Altarbilder
außer dem Joh. v. Nepomuk in der Bekrönung
des Kredenzaltars verherrlichen Franziskaner-
heilige. Besonders anziehend mag das jetzt für
Drittordensmitglieder sein, welche diese Heiligen
mehr verehren. Welch' reicher Jdeeilgehalt bietet
sich aber auch für jedeil anderen Betrachter dar!
Voil deil geschnitzten Gestalteil der Heiligen
Paschalis nnb Didakus, St. Klara u>ld Elisabeth
mit ihrer Verehrung des heiligsten SakramMts
nnb des bitteren Leidens, sowie ihrer christlichen
Charitas war schon die Rede. Run komint vor
allem die Darstellung des britten Ordens aus
dem St. Franziskusaltar in Betracht. St. Fran-
ziskus, über Wolken schwebend, berührt das Zin-
gulum, welches das anf dem Schooß der Mutter-
sitzende göttliche Kind ihiil reicht, eiil Engel bietet
das Zingulum zu der Gruppe der unten knieen-
den portratartig realistischen Gestalten des Kaisers
und Papstes, eines Bischofs nnb anderer Geist-
lichen , der Kaiserin und anderer Frauen herab.
Jil der Landschaft des Hintergrundes mit schäumen-
dem Gießbach sieht man deil hl. Franziskus, wie
er die Wundinale elilpfailgt. Stolz hat der
Künstler seinen Namen auf das Bild geschrieben,
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