Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

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Martin Weller fecit et invenit 1727 (ftimmt auch
mit Greidererl. — Der gegenüberstehende An-
toniusaltar hat unseres Erachtens das werthvollste
Altarblatt in dieser Kirche. Auch Greiderer prä-
oizirt dieses Bild allein und nennt es eine imago
artificiosa. L'chtumslossen steigt das Jesuskind
aus dein Schooße der auf Wolken sitzenden
Mutter, zu dem in Verzückung gerathenen hl. An-
tonius hernieder; ein Engel hält ein großes aus-
geschlagenes Buch und ein anderer Engel deutet
aus die Worte aus dem Antoniushymnus: Li

quaeris miraculn, Mors Error Calamitas. Die
Fortsetzung des Hymnus besagt nämlich, daß der
hl. Antonius diese großen Nebel der Menschheit
durch seine Wundermacht überwunden habe.
Maria, das Kind und die beiden Engel bilden
eine in die Diagonale des Bildes komponirte
Gestaltenreihe von wunderschönem Linienspiel.
Komposition und Kolorierung erinnern an Ru-
benssche Schöpfungen. In der Richtung der
Diagonale zerfällt das Bild in eine himmlische
und eine irdische Hälfte: dort Licht und himm-
lische Ruhe, hier dunklere Färbung und irdische
Erregung in der ganzen ekstatischen Gestalt des
Heiligen, dessen Gewandung durch virtuose La-
suren und herrliche Mannigfaltigkeit der Farben-
töne sich auszeichnet. Mit diesem Bild hat Schul-
tis seine Arbeit begonnen, und erneuert hat das-
selbe allgemeines Aufsehen erregt. — Das letzte
Hauptbild stellt den hl. Petrus v. Alkantara dar.
Totenkops unb Geißel auf der einen und das von
Engeln umgebene Kreuz aus rohen Baumstämmen
auf der anderen Seite weisen aus seine Ascese
lind seine tiefsinnige Betrachtung des Leidens '
Christi hin.

Nun erscheinen uns aber noch mehrere heilige
Franziskaner in den Bekrönungen der Altäre:
Der hl. Ludwig von Toulouse (at>s dem Hause
Anjou), der irdische Kronen ausschlägt und dafür
die himmlische erhält, der hl. Bonaventura, der
aus Deinuth der Himmelsspeise sich nicht für wür-
dig hält und dem dafür ein Engel das Brod des
Lebens reicht, der hl. Johann uon Kapistran mit
der Kreuzesfahne, welche er so siegreich gegen die
Türken getragen, und der hl. Bernhardin von
Siena, mit dem hellstrahlenden Namen Jesu,
dessen Wunderkraft er iu seinen Predigten pries,
und mit den Mitren der Diözesen von Siena,
Ferrara und Urbino, welche er nicht angenommen
hat, ferner der hl. Franz von Solano, der große ;
Missionär, der bei einem Sturm auf dem Meere
nicht das Rettungsboot besteigt, sondern die Neger
taust, die sich auf dem Schiff befinden, und cnd- t
lief) der hl. Jakob von der Mark, der (kurz nach !
seinem Tod) bei einem Ausbruch des Vesuv in '
den Wolken schwebend gesehen wird, ivie er dtirch
seinen Segett die stirchtbare Naturgewalt über-
windet. —- Ei» großes Tafelbild an der Wand
stellt den hl. Leonhard von Porto Mauritio dar,
mit großem Kreuz und auffallend schönem Ant-
litz und klarem Blick, der sich auf jeden Beschauer,
wo derselbe i» der Kirche auch stehen mag, zu
richten scheint. Das Bild ist erst später aus An- I
laß der Seligsprechung des großen Predigers 1796
aufgehängt worden (laut Inschrift). Gegenüber
hängt das Bild des hl. Bernhard. Der hl. Ctster-
cienser kam in die Liebfrauenkirche der Franzis-
kaner wegen seiner Verehrung Mariens und als ‘

Vollender des Salve Regina, wie ein Spruchband
andeutet.

Die kleinen Bildnisse über den Beichtstühlen
geben mit. ihren Sprüchen eine ganze Predigt
vom heiligen Bußsakrament: Jesus ladet zur

Nachfolge ein, denn er ist gekommen die Sünder
zur Buße zu rufen; zu Magdalena spricht er:
„Deine Sünden sind dir vergeben"; er hat ein
mächtiges rettendes Wort für die Ehebrecherin;
er verheißt dem Weib am Jakobsbrunnen ein
Wasser, das ins ewige Leben sortsließt; der
weinende Petrus ist ein ergreifendes Bild der
Rette und der Zöllner Zachäus verspricht vier-
fache Genugthuung; über der ins Kloster führen-
deit Thüre weist der Herr die ehrsamen Väter
der Stadt (das Bildchen hat käst einen humori-
stischen Ansttig) nach dent Beichtstühle drinnen hin.

Die Bilder an der Kanzel zeigen den guten
Hirten, die Bergpredigt und Jesu Auftreten in
der Syitagoge und am Schalldeckel die Vogel-
predigt des hl. Franziskus, die Fischpredigt des
hl. Antonius und die Aussendung der Franzis-
kaner zur Predigt.

All' diese Bildchen siitd natürlich weit entfernt,
Kunstwerke ztt sein, aber nach der Erneuerung
durch Schultis ganz würdig gehalten. Das gleiche
gilt von den Bildert: an den beiden Emporen.
Sie stellen das Leben Mariens dar: ihre Ver-
tnählung, den Gruß des Eitgels, die Geburt
Christi, die Anbetung der Könige, die Darstellung
int Tempel und dann an der unteren Empore:
Maria nimmt von Jesus Abschied, sie begegnet
ihni aus den: Kreuzweg, sie steht tmter dem
Kreuze, trägt den Leichnam des Sohnes auf
ihrem Schooße und sieht Jesuin ins Grab
legen. Ein großes Bild, das erzwungener Weise
in fetitem oberen Theil aus die horizontale Boden-
fläche eiites oktogonalen Vorsprungs der oberen
Einpore und in seiitem unteren Theil auf die
vertikale Fläche der nichtvorspringenden untereit
Hälfte der Brüstung dieser Empore gemalt ist,
stellt die Himmelfahrt Mariens dar. Diese Bilder
sahen vor der Restauration geradezu trostlos
aus. Es tvar aber wirklich ein Glück, daß man
sie nicht übertünchte und daß inan in Schultis
einen so tüchtigen Restaurator hatte. Es finden
sich Verzeichnungen, erzwungene Körperhaltungen,
Fehler gegen die Proportion, benen nicht abzu-
helfen war. Aber jetzt zeigen die Bilder eilte ge-
fällige Farbeitzusammenstimmung, alle heiligen
Ilkte sind lebeitdig zur Anschauung gebracht und
die lebhafte Empfindung in den Gesichtern ist
edel und wirklich zur Aitdacht stiinmend.

Endlich waren auch die Stationen der Erhal-
tung würdig, nicht bloß die mit Nußbaumsour-
niren umwundenen geschviackvollen Rahmen, son-
dern auch die Bilder selbst, welche vor tüchtigen
landschaftlichen oder architektonischen Hintergrün-
den dramatisch belebte und würdige Darstellungen
der schmerzensreichen Vorgänge des Kreuzwegs
darbieten.

Die Gesa m mtw i r k u n g.

So viel Schönes wir auch im einzelnen be-
trachtet haben, die größte Wirkung wird doch
dtirch das Ensemble des Ganzen hervorgebracht
und zivar durch das Ensemble der Formen
und der Farben. Der Drang nach imposanten
Gesantmtwirkungen der Jnnenräume war ja über-
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