Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

Seite: 112
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apodiktisch der Kunstdoktrinär. Wir aber meinen,
man soll von solchen allgemeinen Sätzen keinen Miß-
brauch machen. Hier aber wollte vor allem nie-
mand täuschen, so wenig jemand täuschen will,
wenn er dem Verputz seines Hauses einen stein-
sarbenen Anstrich geben läßt. Wer sollte denn
auch nur einen Augenblick meinen, daß diese
großen Gestalten aus Elfenbein geschnitzt sein
könnten? lind wäre nicht jede Vergoldung ebenso
tadelnswertst, weil sie den Schein erweckt, als ob
ein Gegenstand von Gold wäre? Es scheine das
Schöne! Ist etivas schön, iveil es von theurem
Gold ist, oder weil es den glänzenden Schein des
Goldes hat? Wenn ich ächten Marmor nicht be-
fahlen kann, darf ich dann den gleichen Glanz
des Stnckmarmors nicht veriverthen, um eine
schöne Farbenwirkung zu erzielen? Und wenn
mir auch Stuckmarmor zu theuer kommt, darf ich
dann nicht durch Farben denselben Glanz er-
zielen, vorausgesetzt daß ich es kann und daß
es auch schön bleibt und nicht durch Aufziehen
oder ungleichmäßiges Abblassen der Farben die
Bemalung zu bald unschön wird? Nun hebt sich
aber die Elfenbeinfarbe hier sehr schön gegen die
braunen Farbentöne des Holzes ab und noch
schöner wird die Farbenstimmung durch maßvolle
Anwendung der Vergoldung z. B. an den hervor-
lretenden Rändern der Kapitelle und der Geivän-
der, an den Heiligenemblemen wie Kreuzen, Kel-
chen re. Welch' großartige Wirkung erzielt hier
die Vergoldung am Hochaltar, >vo vergoldete
Strahlen das Madonnenbild, die heiligsten Herzen,
die Taube des heiligen Geistes, die Gestalt cvott
Vaters in einer Richtung über einander schimmernd
umgeben! Und zu allem kommt noch das harmo-
nische Spiel der Farben der Gemälde. An den
Altären tritt die weißgelbliche Farbe nach oben
immer reicher hervor, so daß die Farbenstimmuug
nach und nach in den ruhigen Ton der Wölb-
ungen ausklingt.

Zum Schluß noch eine Bitte. Möge kein Leser
den Vorwurf erheben, daß wir hier den Schöpf-
ungen des Barockstils zu viel Ehre angethan
haben! Das Vorurtheil gegen die Stilart ivird
noch an manchen Orten ungerecht gegen tüchrige
Leistungen nnd hat schon manchmal weniger Werth-
volles an deren Stelle gesetzt iJn Ehmgen z B.
hört man oft über die Beseitigung der früheren
Altäre der Stadtpfarrkirche klagen.) Will aber
jemand unsere Würdigung nicht theilen, so lasse
er unsere Darstellung als einen Versuch gelten,
überhaupt Barockwerke im „Archiv" eingehender
darzustellen, >vas manchen Leser, der selbst noch
eine Baroükirche hak, interessieren dürste, Außer-
dem galt es uns, Anerkennung zu ivecken für die
edeln Söhne des hl. Franziskus, ivelche einst
hier so segensreich gewirkt und so allgemeines
Vertrauen genossen haben, trotzdem man sie im
30jährigen Krieg hier nicht aufnehmen wollte,
und ivelche an ihrer Kirche gezeigt haben, wie
man auch bei beschrankteren Mitteln Schönes wirken
und reiche Ideen zu edlem Ausdruck bringen kann. '
Endlich Anerkennung der pietatsvollen Restauration -
und besonders der Seele derselben, dem Stadt-
pfarrer Ströbele, welcher auch, weil man sofort
sah, daß hier das rechte Ziel auf die rechte Weise
erstrebt werde, mit Leichtigkeit die Mittel der Re-
stauration aufgebracht hat. Wie viele bedrängte
Herzen haben an dieser Stätte bei der Mater I

, amabilis und dolorosa Hilfe und Trost gesunden!

Zum erstenmal hat man heuer das Titularfest
! (8. September) der Kirche wieder feierlich be-
! gangen. Möge auch die Wallfahrt, welche einst
j so bedeutend war if. Greiderer), wieder ausleben,
! die Wallfahrt zu der Gnadenstütte, wo durch
Mariens Milde so viele wunderbare Wohlthaten
gespendet worden sind!

Mitlheilunaen.

Was t h u t der bayerische Staat f ü r
die ch r i st l i ch e K u n st? Ueber die Verwendung
der für die laufende Finanzperiode zur Verfügung
stehenden budgetmäßigen Mittel „zur Pflege und
Förderung der Kunst durch den Staat" im Be-
trage von 120 000 Mark ist seitens des Kultns-
ministeriums verfügt worden, nachdem vorher der
für diesen Zweck gebildeten künstlerischen Sach-
verständigenkommission Gelegenheit gegeben war,
die einschlägigen Eingaben und Vorlagen zu prüfen
und ihre gutachtlichen Vorschläge zu machen. Hier-
nach sollen aus der budgetmäßigen Willigung die
nachbezeichneten Beiträge zu den angeführten
Zwecken Verwendung finden:

1. 6000 Mark zur Herstellung von Timpanon-
Reliefs für die Portale der neuen katholischen
Stadtpfarrkirche in Schwei ns urt. 2.
3000 Mark zur Herstellung eines Timpanon-Re-
liefs für das Hauptportal der katholischen
Pfarrkirche in Kulmbach. 3. 3000 Mark
zur plastischen Ausschmückung des Südportales
der katholischen Stadtpfarrkirche in
Königshofen im Grabfeld. 4. 2000 Mark
als Beitrag zur Errichtung eines Denkmals für
General von Hartmann in Maikammer in der
Pfalz. 5. 18 000 Mark als Beitrag zur Her-
stellung eines Brunnens mit Kriegerdenkmal in
Nördlingen. 6. 10 000 Mark als Beitrag zur
Herstellung eines Brunnens mit Kriegerdenkmal
in Bad Kissingen. 7. 3000 Mark zur Herstellung
von zwei Statuen zur dekorativen Ausschmückung
der Fassade des Gebäudes der höheren Webschule
in Münchberg. 8. Bis zu 9000 Mark zur Her-
stellung des plastischen Schmuckes für die beiden
Seitenaltäre, dann von Wandmalereien in der
katholischen Kirche zu Thalhausen, Be-
zirksamt Aichach. 9. Eine entsprechende, ziffer-
mäßig noch nicht feststehende Summe zur Her-
stellung von vier großen Deckengemälden in der
vormaligen Kloster- und jetzigen k a t h o l i s ch e n
Pfarrkirche zu Roggenburg, Bezirksamt
Neu-Ulm. 10. 15 000 Mark zur Herstellung von
Wandmalereien in der neuen katholischen
K i r ch e in S ch l o ß b e r g bei Rosenheim. 11.
3000 Mark zum eventuellen Ankauf des Gemäldes
„Hl. Philomena" von Kaspar Schleibner als
Altarbild für die katholische Filialkirche
i n O b e r a u l e n b a ch, Bezirksamt Kelheim. 12.
4000 Mark zur Beschaffung von Altargemälden
für die protestantische Kirche in Lands-
h ut. 13. 3200 Mark zur Herstellung eines Wand-
gemäldes, darstellend die Schlacht bei Mühldorf,
an einer Außenwand der Frauenkirche in Mühl-
dorf am Inn. 14. 5500 Mark zur Herstellung von
zwei gemalten Fenstern für die St. Blasius-
Stu dienkirch e in Regensburg.

Hiezu eine Uunftbeiloge:

Die Altäre in der Spitalkirche zu Lbingen a. D.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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