Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

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Mrgan des Hottenburger Diözesan-Oereins für christliche Kutift.

perausgegebeu liub redigirt von Pfarrer vetzel in St. Lpriftiiia-Raveiisburg.

Verlag des Rotteiiburger Diözesan-Auuftvereiiis,
für denselben: der Vorstand Pfarrer Detzel in St. Lstristina-Ravensbnrg.

I.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für M. 2.05 durch die württembergpchen (M. 1.90
im Stuttgarter Bestellbezirk), M. 2.30 durch die bayerischen und die gieichsyostaustalteu,
st. 1.27 in Oesterreich, FrcS. B.40 in der Schtveiz zu beziehen. Bestellungen tvcrdeu i
auch augeuoiumeu von alten Buchhaudlnuge>l sotvie gegen Einsendung des Betrags direkt Lv/Llw.
von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Nrbanstrntze 94, zum
Preise von Bl. 2.05 halbjährlich.

Dio Spätpotbif in Schwaben.

Eine Stubie unb eia Vortrag von A. S.

(Schluß.)

Aus bei* großen Menge wollen unr nur
einige markante Beispiele hernusgreisen.
Zunächst drei besonders veranlagte Kirchen
nämlich Neufra, 'Cberamt Riedlingen,
Oberstadion, Oberamt Ehingen, lind Gärt-
ringen, Oberamt Herrenberg. Diese durch-
aus gewölbten Kirchen haben die Eigen-
thümlichkeit, daß bei einschiffiger Anlage
die Strebepfeiler hereingezogen sind ins
Langhalls luid Kapellenreihen bilden. Alan
braucht also nicht mit Ehrendomherrn
Granb aus Graz nach Spanien All gehen,
lim diese Originalität kennen zll lernen
lllid emphatisch zll preisen; schwäbische
Baumeister haben das Praktische dieser
Anlage fern voll Spanien erkannt und,
wie lnan sich auszudrücken beliebt, auch
der Privatandacht eine Stätte geschaffen.
Wir aber glauben, die von Hänel be-
tonte sächsische Ralimidee der großen spät-
gothischen Kirchen haben Helle schwäbische
Köpfe hier auf kleinere Bauten übertragen,
bevor man in Sächselt auf dieselbe ge-
kommen ist.

Eine reizend schöne Dorfkirche ist die
galiz gewölbte, zum Dheil noch ursprüng-
lich bemalte Kirche zu Eglosheim, Ober-
amt Ludwigsburg. Langhaus unb Chor
sind gleich breit, etlva 8G m, das Schiff
ist 22, der Chor 13 m lang, es ist eine
würdige Gemeindehalle mit einem hoch-
würdigen Chor.

Einfacher, aber ein wahrhaftiges Para-
digma einer Dorfkirche, ist die Michaels-
kirche 311 Eltingen, Oberamt Leonberg, !
deren patronirte Holzdecke noch erhakteli ^
ist. Welche Feinheit unb Klarheit aller!
Dbeile! Peter von Koblenz hat hier all I

der einfachen Dorfkirche gezeigt, daß er
ein Meister im Kleinen ist, wie er als
großer Meister im großen Stil zu Urach
sein Können bewiesen. Als besondere
Spezialität einer Dorfkirche führen wir
noch an die zweischissige Kirche in Dhann-
hausen, Oberamt Ellwangen. Auch hier
tritt das saalartige hervor, zwei Sänken
tragen das reiche Netzgewölbe. Die
steinerne Empore, die auch anderorts ge-
funden wird, ist hier gut erhalten.

Wäre es nicht angezeigt oder möglich,
eines dieser Muster bei Neubauten nach-
zuahmen ? Wäre das nicht eine An-
knüpfung an eine große, künstlerische und
glanbenseisrige, wie glaubenseinige Ver-
gangenheit? Hat nicht der Volkscharakter
ili jenen Bauten sich ausgesprochen und
zwar ein kräftiger und tüchtiger Charakters
Ja, nur versteigen uns zu der kühn scheinen-
den Behauptung*, die Baukunst der ro-
mallischen Periode war dNönchsknnst, die
Blüthezeit der Gothik war eine Herren-
knnst, die Spätgothik aber ist Volkskunst,
denn sie ist überall hingedrlingen, hat alle
Stände erfaßt und begeistert und hat dem
gesamluten Volke in Stadt und Land
würdige Gotteshäuser geschaffen. Wir
wiederholen, es kann kein Niedergang im
verderblichen Sinn des Wortes genannt
werden, wenn eine Kunstperiode so Viel-
seitiges und Hervorragendes geschaffen hat.

Wie lnag es einst im Schwabenlande
ausgesehen haben, als alle diese Kirchen
und lioch eine unzählbare Menge anderer
jetzt veränderter oder verschwundener, im
neuen Glanze dastanden? War nicht das
Kunstleben damals ein weit lebendigeres
und regeres, als heutzutage? Von spär-
lichen Resten nur können wir ja auf den
Reichthnm jener Zeit schließen. Eine nur
auch oberflächliche Betrachtung dessen, was
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