Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

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die Spälgothik auf Dem Gebiet der Nlalerei,
der Plastik, des Altarbaues, der Kleinkunst
geleistet, beweist noch deutlicher als der
lleberblick über die Architektur das, was
wir über die hervorragenden Fähigkeitetl
dieses Stils gesagt haben. Sänimtliche cr-
haltene Altarwerke gothischen Stils ge-
hören der Spätperiode an. Von allen
greifen wir Nttr das vollendete Idealbild
heraus, den Blanbenrer Altar. Welch'
ein Reichthum der Ideen, wie der Dar-
stellungen ! Eine schöne Zahl ähnlicher
Werke ist im§ erhalten — von uns noch
lange tlicht erreicht. Was sind alle nen-
gothischen Altäre gegen einen einzigen der
alten Flügelaltäre? Holzwerk ohne Geist
und Charakter.

Der plastischen Knust der spätgoti-
schen Periode macht man den Vorwurf, daß
sie von den ruhigen, reinen Linien der
Frühgothik und der Antike inehr und inehr
abgekommen sei und ins Unruhige, fast
Bizarre sich verloren habe. Andererseits
ist nicht zu verkennen, daß sie vielfach an
Lebetiswahrheit gewonnen, je mehr sie
das Steife und Starre verlassen hat und
Sprlius uitb Rieuienschneiders Werke
bleiben Bteisterwerke. Der Reichthmn an
einzelnen spätgothischen Figuren ist im
ganzen Lande trotz allen Vandalisrnits,
Götzenvertreibnng, Verschleuderung unb
Sanunelivuth, noch ein so großer, daß
man beinahe in jedem Kirchlein spät-
gothische Stallten k. finden kann, die durch
der Zeiten mtb Menschen Stürme hin-
durch gerettet wurden. Es sind nicht
lauter Meisterwerke, aber sie stehen hoch
über Barock- und Zopffiguren und noch
höher über der sogenannten Münchener
Fabrikplastik.

Was alt metallenen Kunstwerken im
Lande ans mittelalterlicher Zeit tioch
vorhanden ist, gehört zunleist der spät-
gothischen Knust an. Die herrlichen
Monstranzen, die vielen Kelche, die
Bortragkrenze, gebet: noch einen kleinen
Begriff der MannigfcHigkeit der Klein-
kunst des ausgehendeti Mittelalters. Nicht
ztl vergessen find die Glocken aus den
Gießereien der Ernst, Sydler, Lachamann
und anderer. Wir kürzet! die Betrachtung
dieser Seite der spätgothischen Kunst ab,
wollet: aber noch einer Erwägung Nanin
geben, zu welcher uns gerade die Allgemeiu- .

heit der spätgothischen Kunst veranlaßt.
Es sind wohl manche Werke der Klein-
j tun st, manche Altäre, Chorgestühl n. s. iv.
handwerksmäßige Arbeiten, nur tviffen
auch, daß es in den Städten eigentliche
Knnsttverkstätten, wie die Wohlgetnuts
oder Bartholome Zeitbloins gab, anderer-
seits aber finden sich so viele lokale Eigen-
thüinlichkeiten, Erzeugnisse des Knnsthand-
! werks an.b an kleineren, ja weltentlegenen
Orten, daß wir annehtnen müssen, es ist
der Kunstsinn auch ins Volk, in die Werk-
stätten der gewöhnlichen Handwerker ein-
gedrungen gewesen, so daß dieselben tüchtig
genug waren, an künstlerischen! Schaffen
theilzunehmen ohneAkadeinien, Kunstschulen,
Gewerbeschulen. Genuß eine hohe Stufe
gegenüber unserer Zeit, eine hohe Stufe
der Kunst und des Könnens.

Es würde zu unseren! Gegenstand ge-
hören auch die Hauptbaumeister und Ktinstler
jener Zeit in unseren! Lande zu nennen.
Wir wissen viele Namen und ein fleißiger
Forscher, der leider verstorbene protestan-
tische Dekan Klemm, hatte es sich gleich-
san! zur Lebensaufgabe gemacht, den
schwäbischen Künstlern und Baumeistern
eine möglichst vollständige Ehrengallerie
zu errichten, allein diese Studien bean-
spruchen ein eigenes großes Kapitel. Es
hatte viele Baumeister, doch gab es schon
anno dazumal solche, die beson-
ders gesucht waren. Wir nennen die
Familien der Arier oder Parier von
Gmünd, der Müusterbaumeister Ensinger,
Böblinger und Khun, die württembergischen
Hosbaumeister Albrecht Georg und Peter
von Koblenz, die Meister Bernhard Sporer,
Hans Hammer, Hans Wunder und andere
ucehr. Es mögen viele aus den großen
Bauhütten hervorgegangen sein, deren un-
zählige Steinmetzzeichen wir allerorts
finden, aus alle kann das Schwabenland
mit Stolz Hinblicken.

Wir eilen zunt Schlüsse. Ich möchte
nur noch darauf Hinweisen, daß mit dem
Eintreten der sogenannten Renaissance die
spätgothische Kunst nicht gänzlich ver-
schwunden ist. Der große Würzburger
Bischof Julius Echter sucht sie bei seinen
Gegenreforinationsbestrebungen wieder ber-
vor. Vielleicht niollte er eben an die
katholische Vorzeit anknüpfen. Aber auch
der herzoglich württembergische Baumeister
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