Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

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dem Kapitol Zugetragen haben soll, iuo
jetzt die Kirche 3. Maria Ara coeli steht,
welche davon ihren Namen hat. Diese
Geschichte war im Mittelalter sehr ver-
breitet, sie erscheint bei Gottfried von
Viterbo schon in der zweiten Hälfte des
zwölften Jahrhunderts, dann namentlich
auch in der Legenda aurea des Jacobus
de Voragine und int Speculum humanae
salvationis.

Es bestehen verschiedene Versionen der
Sage, diejenige, welche ohne Zweifel
uuferent Bilde zu Grunde liegt, ist folgende:
Augustus habe die Tibnrtinische Sibylle
ztt sich kommen lassen, um über einen An-
trag des Senats, der ihm göttliche Ehre
erweisen wolle, sie zu befragen; sie aber
habe geantwortet: „Vont Himmel wird
der König konmten, der es in Ewigkeit
sein wird u. s. w." Sogleich öffnete sich
der Himtnel unb er sah dort eine Jnng-
frau in herrlicher Schönheit mit einem
Knaben auf dem Arm und hörte eine
Stimme: Haec ara filii dei est. Der
Kaiser betete darauf an, that dein Senat
die Vision kund, und errichtete einett Altar
mit der Inschrift: „Haec est ara primo-
geniti dei.“ Gleichzeitig wird erzählt, es
feien die heidnischen Bilder in der Hof-
kapelle umgefallen, worauf sich die rechts-
seitige Darstellung bezieht.

Zahlreich sind die Kunstdarstellungen,
welche die Weissagung der Tiburtinischen
Sibylle verherrlichen; das älteste ist ein
Mosaikbild in der Kirche S. Maria Araceli
in Rom, >vo Augustits das Kind anbetet,
dann ebendort ein leider zerstörtes Wand-
gentälde vütt Pietro Eavalliui, welches
den gleichen Gegenstand behandelt. Häufig
ist im fünfzehntett Jahrhuttdert diese Scene
ansgeführt unb vornehmlich haben die
niederländischen Meister in Altargemälden
der christlichen Hanptvorstellttng jene Er-
fcheinung zur Seile gestellt.

Auch in den Stanzeti des Vatikans
im Zimmer della Leguatura ist unter
den Sockelbildern, tvelche Perino de! Vaga
ttach 1534 zu den Raphaelischen Wanb-
gentälden ansführte, unterhalb der Dis-
pnta die Dibnrtinifche Sibylle, bem Kaiser
Augustns die Erscheinung der hl. Jnng-
frau zeigend. Wie sehr die Vorstellung
der Sibyllen noch int sechzehnten Jahr-
hundert gang und gäbe war, beweist das

Buch: „Zwölf Sibyllen Weissagungen vil
witnderbarer Zukunft von Anfang bis zu
End der Welt besagende. Ter Königin
von Saba Kung Salonteh gethane Pro-
pheceiem. Frattkfurt 1531, 4"." Auch in
dem int 15. Jahrhundert gedrucktem rö-
ntischen Pilgerbuch: „Das geist- und tvelt-
liche Rotn", eittec Uebertragung der Mira-
bilia urbis fehlt die Geschichte von dem
Kaiser Oktavian und der tveisen Iran
Sibylle tticht. Dort wird Fol. 9 erzählt,
daß in der Nacht, wo Christus geboren
wurde, die Sibylle dem Kaiser eine be-
krönte Jungfrau mit einem Kinde zeigte,
und ihm sagte, das Kind tväre Gott:
worauf Oktaviatt dem Kinde geopfert habe.

Atts derselben Quelle kommt ohne Zweifel
dann auch die Nachricht, daß in der Zeit
wo Christus geboren wurde, der Friedens-
tentpel zusantmenstürzte und eine Wasser-
qitelle zu Rout itt eine süße Flüssigkeit
verwattdelt tvnrde. Darauf beziehen sich die
Inschriften nnt Brunnen ans unserem Bild.

Die Deutung auf die vierte Ekloge des
Vergil, scheint mir doch etwas weit her-
geholt. Die betreffende Stelle tautet nach
der Uebersetzung von Voß: „Schon ein
tteues Geschlecht entsteigt bem erhabenen
Himmel. Sei nur' dem kommenden Kna-
ben (nütttlich bem Sohn des Pollio), mit
dem sich das eiserne Alter schließet, und
rings aufblüht ein gold'nes Geschlecht
durch das Weltall, sei du, keusche Lucina,
ihnt hold."

Charakteristisch für die Attfänge einer
Kunst der Historiettmalerei, sagt Haakh,
die tioch tticht znin Bewußtsein ihrer
eigenen Gesetze gekommen, ist die unserent
Gemälde eigenthümliche Wiedergabe der
! Prophezeihung unb Erfüllung, verbuttden
mit der Anwendtttig des Ncitlels der sym-
bolischen Darstellung. Ich möchte dagegen
erwidern, daß das Gemälde doch keines-
wegs als Historienbild anfzufassen ist,
sondern als ein kirchlich-symbolisches Bild,
welches dein Laiett die int Mittelalter,
besonders seit dent dreizehnten Jahrhundert
stark verbreitete Legettde verbildlichen sollte,
j Es ist deshalb auch keine „freie That des
Künstlers", fonbent eine Verbildlichung
des theologischen Gedattkens, welche durch
die Legettdenbücher des Ncittelallers nitb
i besonders durch die Degenda aurea viel-
! fache Verbreitnttg fand.
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