Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

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Noch etwas über beit Nünstler. Paolo
Veneziano ist der älteste venetianische
Maler, welcher seinen Namen auf seine
Bilder setzte. In San Marco ist eine
Tafel in niedreren Abtheilnngen, welche
den Leichnam Christi mit den Aposteln
darstellt uH dam: in den andern Ab-
theilungen Scenen ans dein Leben des
Cvangelisten Markus enthält. Hier nennt
der Künstler seine beiden Söhne Jakobus
und Johannes als Mitarbeiter, es ist
1346 gemalt. In Vicenza befindet sich
noch ein früheres Bild mit der Inschrift:
Paulu3 de Venetiis pinxit hocopus 1333.
Paulus erscheint hier als Nachahmer der
Griechen (Byzantiner) fügt Nagler hinzu,
deren Steifheit er weniger überwunden hatte
als Giotto. Auch unser hiesiges Bild erinnert
noch sehr an die byzantinische Malweise,
was auch Haakh besonders hervorhebt.
Wie er aber dazu kommt, das Bild noch
in den Anfang des vierzehnten Jahrhunderts
zu setzen, während es doch die Jahrzahl
1358 trägt, ist nicht recht erfindlich.

Biblia Pauperum (Armenbibel).

Diese ist einfach ein Bilderbuch mit kurzem
erläuterndem Text. Den Inhalt bildet Christus
zwischen den zwei Testamenten, vom Anbeginn
«der Schöpfung) bis zum Ende (dem Weltgericht).
Nach christlicher Anschauung galten: Adam, Abel,
Noah, Abraham, Isaak, Jakob, Joseph, Moses
u. s. w. als Vorbilder des Heilandes; der bren-
nende Dornbusch, die Ruthe Aarons, Gedeons
Fall, die Sunamithin, Judith, Esther u. s. w.
find Vorbilder Mariä. Der neue Bund ist eine
Widerspiegelung des Herrn in seinen heiligen
Aposteln, Märtyrern, Bekcnnern, Jungfrauen,
kurz allen, die seine lehren in Thaten bewähr-
ten. So steht überall der erwartete und endlich
gekoinmene Christus in der Mitte zwischen Vor-
zeit und Nachzeit. Dies zeigen uns sehr gut die
„Armenbibeln" in Wort und Bild, und zwar
nicht nur zu dem Zwecke, um die Unwissenden
leichter zu unterrichten, sondern auch beit Künst-
lern den Weg zu zeigen, wie sie schriftgemäß und
nach der Lehre der Väter arbeiten sollen. Es
ist also die Armenbibel auch ein Bilderbuch zu
nennen. Die Illustrationen dieser Handschriften
sind an vielen Stellen nicht ohne künstlerische
Bedeutung, denn sie zeigen oft charakterische Köpfe
von zarter Anmuth, schlanken Gestalten von guten
Verhältnissen, die Gewandung von einfachem
schönen Wurf (Janitscheck, Geschichte der deutschen
Malerei, S. 177). Anfangs führten diese Bücher
keinen Titel; Biblia Pauperum wurden sie erst
später genannt, wohl nach Chrysostomus und Leo,
die in ihren Familien auf die Bescheidenen und
Demüthigen, welche eine Belehrung bereitivillig
annehmen, die Stelle bei Matth. 5, 3: Beati
Pauperes anwenden.

Schon früher, bereits im 12. Jahrhundert,

begann die christliche Kunst die zusammengehörigen
Bilder des alten und neuen Testaments einander
gegenüberzustellen. Als die hierauf bezügliche
älteste Quelle stellen sich die Schriften des neuen
Bundes dar. Christus selbst sagt nach Lnk. 21,
11: Es muß alles erfüllt werden, was im Ge-
setze Moses, in den Propheten und in den Psal-
men geschrieben steht. Bereits die Propheten
deuten deutlich an, in welchen Begebenheiten ihre
Voraussagungen in Erfüllung gehen sollen; z. B.
Js. 7, 11: Ecce virgo concipiet et pariet filium
deutet auf die Verkündigung und Geburt Christi;
oder 62, 11: Eece rex tuus veuiet tibi mansuetus
auf den Einzug Christi in Jerusalem u. s. w.
Ebenso berufen sich die Apostel und dann die
Väter auf den Zusammenhang vieler Stellen
beider Testamente, z. B. Paulus auf Melchise-
dechs Opfer u. dergl. Einen reichen Schatz von
gegenseitiger Beziehung beider Testamente finden
wir in den Schriften des Justin Märtyrer, Me-
lito, Clemens von Alexandrien. (Forts, folgt).

Literatur.

Klnsfische Andachtsbilder, herausge-
geben von der österreichischen Leo-Gesell-
schaft in Wien. Jos. Rothsche Verlags-
Handlung. Stuttgart und Wien. 1899.

Die rührige österreichische Leo-Gesellschaft,
welche das monumentale Werk „Die katholische
Kirche unserer Zeit" herausgibt, hat ein neues
Unternehmen ins Werk gesetzt, das ebenso origi-
nell als verdienstvoll bezeichnet werden muß.
Schon Jahrzehnte lang kennt man die Klagen
über die billigen aber schlechten Heiligenbilder,
die unter dem Volke verbreitet werden. Man
hat den Düsseldorfer Verein gegründet, um dem
Uebel abzuhelfen und es wird wirklich durch
diesen Verein auch heute noch viel guter Ge-
schmack verbreitet, indem seine Kupferstiche so-
wohl in der Auswahl seiner Sujets als in der
technischen Vollendung wahrhaft Künstlerisches
leisten. Doch fanden und finden diese Bilder,
weil farblos, unter dem eigentlichen Volke keine
rechte Verbreitung. Immerhin aber haben sie
bewirkt, daß man jetzt höhere Anforderungen auch
an farbige Bildchen stellte und es suchen
Firmen wie Benziger in Einsiedeln, Kühlen in
Glattbach, Hirmer in Straubing, Müller in Inns-
bruck-München u. a. diesen Forderungen auch
nachzukommen und sie haben wirklich manch'
Brauchbares erreicht. Allein in dem Streben,
diesem Wunsche nach Farbe nachzukommen, sind
sie manchmal zu weit gegangen und haben Bild-
chen hergestellt, die mehr den Charakter der
Porzellanmalerei zeigen, vielfach süßlich und ver-
klext und daher ohne Kraft und Saft erscheinen.

Wie ganz anders sehen diese klassischen An-
dachtsbilder aus! Da ist strenge, feste Zeichnung
plastische Abrundung und daher Leben und Kraft
zu finden. Auch die Farbe ist nicht vergessen;
um dem allgemein herrschenden Geschmack ent-
gegenzukommen, ist jedes Blatt ohne Ausnahme
irgendwie, sei es auch nur mit einem Tone,
illuminirt. Für das Kolorit der altdeutschen
Kupferstiche und Holzschnitte haben Dürer und
; andere zeitgenössische Meister das Vorbild ge
I geben; in andern Fällen trat eine farbige Um-
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