Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

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englischen Gr ns; in so heiliger, frommer
Auffassung, wie man sie selbst bei den
besten alten Meistern selten findet. Die
demüthige Magd des Herrn steht in der
Mitte, die pilgernde Figur hält den Vor-
hang Zurück und der Engel des Himmels
richtet in knieender, würdevoller Stellung
den Gruß des Herrn aus, hinweisend auf
den himmlischen Vater nub den die Herr-
lichkeit des Himmels verlassenden Heiland.
Daß wir dreimal des Tages an diese
frohe Botschaft uns erinnern sollen, deutet
der Meister in der zur Seite des „Ave
Maria" läutenden Engelsfigur an. Die
drei folgenden Blätter versetzen uns in die
Felsengrotte nach Bethlehem; da sehen
wir, wie Maria und Joseph einziehen
"durch die Thore der Davidsstadt, wie sie
aber abgewiesen auf der andern Seite die-
selbe wieder verlassen unb in der Felsen-
grotte den Neugeborenen anbeten, wie
ferner „das göttliche Kind seinen Leib
nährt, der für uns die Wunden und den
Tod erleiden wird", während dessen der
hl. Joseph — eine ganz naive Darstellung

— das Abendessen bereitet. Die Pilger-
gestalt ist bei dieser Scene besonders an-
dächtig und schön gezeichnet. Nach der
reich bewegten Scene der Anbetung der
heiligen drei Könige kommt der Gang der
heiligen Familie nach Jerusalem in den j
Tempel zur Aufopferung, ein Bild von j
erhabener Würde, erhöht noch durch die
heitere Landschaft.

Doch den Vorzug geben wir den zwei
folgenden Blättern, aus der ergänzenden
Phantasie des Künstlers selbst hinzngefügt:
„Jesus betend und wandelnd". Beide ver-
setzen uns vor das heilige Haus zu Na-
zareth und sind eine ungemein liebliche
Erfindung des Meisters. Schon geht der
Tag stark seiner Neige zu, die Mondsichel
ist am Himmel erschienen und der Hirte
kehrt zurück mit seiner Heerde, auch der
heilige Zinnnermann kommt mit seinem
Handwerkszeug über dein Rücken von der
Tagesarbeit nach Hause nub öffnet das
Gitter zum Eintritt in den Hof, während
die hl. Jungfrau, das Vorbild geschäftiger
Hanssranen, Wasser am Brunnen schöpft,

— da, ungeachtet dieser Geschäftigkeit
ringsum, kniet das göttliche Kind, ein
herzliches Bild, auf der Schwelle des
Hauses, faltet andächtig seine Händchen

' und richtet den Blick zu seinem, himm-
j lischen Vater in die Wolken hinaus, der
| wohlgefällig herabsieht ans das Gebet:

! auch die „anima meditans“ ist ganz er-
griffen von dieser so überaus zarten, lieb-
lichen Scene. Gleich ansprechend ist auch
das „wandelnde Kind," welches den gött-
lichen Heiland mit dein verlorenen Schafe
: und mit der Last des Kreuzes ans den
Kalvarienberg vorbildet. Der Kops der
hl. Jungfrau ist hier viel schöner nub rich-
tiger gezeichnet als in fast allen anderen
Darstellungen. Der vorletzte Entwurf ver-
setzt die heilige Familie nach Aegypten:
durch die von der Pilgerin geöffnete
Thüre erblicken wir orientalische Architek-
tur, Tempel und ägyptische Göttergestal-
j teil. Der Jesnsknabe schlummert, wäh-
rend der heilige Nährvater ans der Schrift
die Stelle des Psalmisten „Siehe, er
schläft nicht unb er schlummert nicht,
welcher sein Volk bewacht" (Ps. 12t»)
liest und zu seiner Seite die heilige Jung-
frau beim Spinnrocken sitzt und znhorcht.
Das letzte Bild endlich ist eine Illustra-
tion zit den Stellen der heiligen Schrift:
„Folget mir nach und ich werde euch zu
Menschenfischern machen" und „Wiederum
ist das Himmelreich ähnlich einem Netze,
so ins Meer gesenket Fische aller Art in
sich aufnimmt"; es zeigt den Jesilsknaben
an beut wogenden Meere mit Kelch,
Aehren, Blumen und Krone in der einen
und den; Kreuze in der andern Hand,
ivomit er die Menschen an sich zieht und
von den Ungeheuern und dein Abgrund
des Meeres rettet, die Apostel, ans dem
Schifflein ansgestiegen, stehen zur Seite,
das ganze eine tief symbolische Auffassung,
die den Meister der Nteditation und Kon-
templation verräth. Die Wiedergabe
durch den Gaberschen Holzschnitt ist hier
eine besonders gelungene.

Schon gleich bei feinem Erscheinen fand
der „Bethlehemitische Weg" nngetheilten
Beifall und zwar auch bei den Gegnern
„des Nazarenerthums". Die durchaus
edlen Gestalten und Gesichter, die geschickte
Gruppirnng, die Gewänder in ihren; so
reichen Faltenwürfe, aber auch der meister-
hafte Stichel Gabers, der so einfach, kraft-
voll, rein und klar die Zeichnungen wieder-
gibt und mit so wenigem Anfwande die
: reichste Wirkung hervorbringt, konnten
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