Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

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Zeitgenossen die heilige Lichtwelt, welche
das herrliche Bnch den Ntenschen erschließt,
altz überwundene mittelalterliche Finsterniß
beseitigt missen wollen.

Das sinnreiche Titelbild symbolisirt das
Verhältniß der Kunst zur Theologie. Die
weibliche Figur mit der Palette in der
Hand schaut voll Ernst ans die Worte,
welche der Mönch niederschreibt, mit sie,
ausgenommen in ihrem Herzen und dnrch-
gearbeitet in ihrem Geiste, aus der Lein-
wand gleichsam von Neuem entstehen zu
lassen. Von den Illustrationen zu den
einzelnen Kapiteln heben wir nur einzelne
hervor, z. B. die zum zweiten, „von dem
demüthigen Gefühle seiner selbst", wo die
Fnßwaschnng in so einfacher, edler Weise
erscheint, wo die Köpfe der Apostel und
besonders das Profil des Heilandes so
schön gezeichnet ist, wo überhaupt der
ganze Akt eine so hohe Würde zeigt, wie
selten in ähnlichen Darstellungen. Eines
der gelnngsten Bilder aber in dem ganzen
Buche ist das zmn 13. Kapitel, die Ver-
führung Christi durch den Satan. Diese
erhabene, wahrhaft majestätische Gestalt
des Gottmenschen ist unvergleichlich ge-
zeichnet.

Zn dein 15. Kapitel sind die sieben
Werke der leiblichen Barmherzigkeit und
zum 20. zwei Mönche dargestellt, der eine
einsam durch den düstern Wald schreitend,
wo die Mondsichel nur spärlich ihr Lichtj
durch die Tannenwipfel läßt, der andere !
im tiefsten Silentium an der Felsenwand,
am Rande eines Baches sitzend. Ergreifend
hat Führich zu dem Kapitel „von der Zer-
knirschung des Herzens" die doppelte Reue
in Petrus und Judas wiedergegeben und
ebenso die Vergänglichkeit alles Irdischen
in der Betrachtung des Todes und in den
beiden Bildern des letzten Gerichtes dra-
stisch geschildert. Im zweiten Buche sind
besonders gelungen die heiligen drei Könige
vor Herodes, dessen Physiognomie die per-
sonifizirte Heuchelei ist; die vorhergehende
Randzeichnung ist eine liebliche Weihnachts-
scene. Zum 7. Kapitel desselben Buches
zwei Darstellungen der klugen und thörich-
ten Jungfrauen; in der ersteren warten
die klugen ans den kommenden Bräutigam
und haben ihre Lichter parat; oben auf
dem Thurme schaut der Wächter hinaus
in die sternenhelle Nacht, bereit bei seinem

Ankommen in das Horn zu stoßen. Da
erscheint er, die Wächter geben die Zeichen
und die klugen Jungfrauen machen sich
marschbereit, während die thörichten flehent-
lich um Oel in ihre Lampen bitten —
eine lebendige, anschauliche Schilderung
mit wenig Aufwand.

Ans dem dritten Buche heben wir her-
vor den Besuch Jesu bei Maria und
Martha und das Doppelbild: Isaaks Auf-
opferung und Jobs Geduld (obedienlia
und patientia), letzteres Blatt nicht allein
wegen der Art feines Gegenstandes, son-
dern wegen seiner ausgezeichnet technischen
Vollendung. Die Meisterschaft des Holz-
schnittes — Kaspar Oertel hat alle Bilder
zum Thomas von Kempen reprodncirt —
zeigt sich hier in größter Vollendung. Im
vierten Buche endlich erwähnen wir nur
einer Zeichnung, aber auch wohl der schön-
sten im ganzen Werke, der Darstellung zu
dem „Domine non sum dignus.“ Eine
schöne weibliche Gestalt, die commnnicirende
Seele personificirt, kniet vor dem göttlichen
! Heilande, welcher soeben die Thüre ge-
öffnet und in eine Kapelle Antritt, wo
wir im Hintergründe in einer Nische des
Altars das Allerheiligste ansgestellt sehen;
durch die geöffnete Thüre werfen wir
einen Blick in das Freie, wo der Hirsch
an der Felsenqnelle des Waldes seinen
Durst löscht — ein Bild voll andächtiger
Stimmung, ein Meisterwerk einer kindlich
frommen, durch und durch katholischen,
ernsten Künstlernatur.

Wie zu seinem „Bethlehemitischen Wege"
hat Führich auch zum „Thomas von Kem-
pen" ein Gegenstück geschaffen; es ist dies
der im gleichen Verlage und auch in der
gleichen Ansstattungsart im Jahre 1875
erschienene „P s a l t e r". „Der Psalter,
Alliolis Uebersetznng. Mit Original-
zeichnungen von Jos. Ritter von Führich.
Leipzig. Alphons Dürr. 24 M." Wenn
uns beim Deifnen schon die Schönheit
der Typen und die Sauberkeit des Druckes
überrascht, so nehmen noch viel mehr die
allerdings nicht so zahlreichen Zeichnungen
wie im „Thomas von Kempen" unser
Interesse in hohem Grade in Anspruch.
Den Bildercyklns eröffnet David, mit der
Harfe vor dem Heiligthum des Herrn
stehend, während beim zweiten Psalm der
erste Vers zur Illustration ansgewählt ist
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