Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

Seite: 35
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Hintergrund ist eine besonders gelungene
Beigabe.

Auf dem dritten Bilde sehen nur uns
mitten in die Erntezeit versetzt nnb ein
reges Leben sich rings um Bethlehem be-
thätigen; da handhaben die einen die
Sichel und schneiden die reise Frucht, die
andern binden das Geschnittene 31t Garben,
wieder andere führen die fruchtbeladenen
Wagen nach Hause. Unbekümmert um all'
dies Treiben ist Ruth hinter den Arbeitern
emsig mit Aehrenlesen beschäftigt. Eben
aber kommt der Besitzer des Ackers, Vooz,
und fragt, auf die Aehrenleserin hinweisend,
den zu ihm hingeeilten jugendlichen Anf-
seher: „Wem gehört dies Mädchen an?"
— „Das ist die Moabitin," antwortete
er, „welche mit Noemi ans dem Lande
Moab kam, und sie hat gebeten, daß sie
beit Schnittern nachgehen und die zurück-
bleibenden Aehreu sammeln dürfe, und am
Morgen bis jetzt ist sie auf dem Felde,
ohne einen Augenblick nach Hause zu gehen."
{2, 6, 7.) (Schluß folgt.)

Nachtrag zum Aussatz „dieGlockpu
gietzerkunst in der ehemaligen
Reichsstadt Ulm".

Von Theodor Schön.

Bei meinem in dieser Zeitschrift ver-
öffentlichten Aussatz über die Glocken-
gießerkunst in Ulm beschränkte ich mich
aus die in Württemberg und Hohenzollern
befindlichen Glocken Ulmer Provenienz.
Allein auch in Bayern (Kreis Schwaben-
Reuburg) befinden sich solche. In Band
il—-V des Werks Steichele-Schröder, das
Bisthum Augsburg, befinden sich hierüber
Nachrichten, die das von mir Gesagte
theils ergänzen, theils berichtigen.

Der von mir als ältester Ulmer Glocken-
gießer genannte Jerg Kästner gehört
nicht dem 16., sondern dem 10. Jahr-
hundert an. Daß seine Glocken bisher
meist 14— statt 15— gelesen wurden,
rührt daher, daß Kästner, der sich ara-
bischer Ziffern in spätgothischer Form be-
diente, die Zahl 5 ähnlich einen modernen
4 bildet, daß für Ungeübte allerdings eine
Verwechslung nahe lag.

Der älteste Ulmer Glockengießer ist
vielmehr der von mir genannte Johannes

^ Fraedenberger. Die mittlere Glocke
in der Pfarrkirche in Neuburg an der
Kämmet, bayerisches Bezirksamt Krumbach,
bat die Aufschrift: Per manus iohannis
fraedenberger de Vlma. anno domini
MCCCCXXX. Sie ist geziert mit den
Neliesbildern einer Kreuzigungsgruppe (an
den Enden des Kreuzesstammes die Evan-
gelistensymbole in Medaillons), darunter
eine Pieta, am Rande unten Marias Ver-
kündigung, slankirt von 2 Figuren, von
denen die eine einen Bischof, die andere
eine weibliche Figur mit einem Kinde dar-
stellt. Die einzelnen Worte der Inschrift
sind, wie in der Regel bei den Fraeden-
bergiscben Güssen durch Sterne nnb
Kannen von einander getrennt?) Die
große Glocke in der Pfarrkirche Hochwang,
Bezirksamt Günzburg, hat die Inschrift:
Anno domini 1430 per manus Johannis
Fraedenberger de Ulma. Sie hat
reichen figürlichen Schmuck; im Stirnband
zwischen 2 Stäbchen mit Wülsten, über
deren oberem ein Zahnschnitt, unter deren
unterem ein Blättchen hinläuft, hat fte
obige Schrift in gothischen Minuskeln,
die Wörter je durch eine Kanne ausein-
ander gehalten. Vor „Anno" ist zu sehen
in tanzender Stellung eine männliche Fi-
gur in mittelalterlichem edlen Costum, da-
neben eine Medaille, aus der ein ruhender
Hirsch mit ausgerecktem Kops abgebildet
ist. Unter der Medaille befindet sich im
Hochrelief ein Kruzifix, endend mit den
Symbolen der Evangelisten, vor dem oberen
Krenzesende eine in die Lenden gegürtete
iveibliche Figur mit unkenntlichem Kopf-
schmuck, in der Linken einen beschriebenen
(unleserlichen) Pergamentstreifen in die
Höhe haltend. (Eva als Urheberin des
Leidenstods Christi.) Neben dem Kruzifix
rechts befindet sich die schmerzhafte Mutter,
links Johannes, am untern Rand ein
muthig einherschreitender Hahn, etwas,
wie ein Tuch im Schnabel (Erwache,
kleide dich an, wenn diese Glocke zum Ge-
bet ruft?), dann eine fast unkenntliche Fi-
gur (St. Christophorns), die gekrönte
Himmelskönigin aus einem Thron sitzend
mit dem Jesukind, ein Bischof ans seinem
Stuhl mit erhobener Rechte, Cherub, die
2 Flügel über den Kops gehoben, die 2

) SteichÄe-Schröder, V, 390.
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