Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

Seite: 46
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meinen, ja es verzerren sich die tiefsinnig-
ften Beziehungen der Matsachen zn wider-
lichen, ihre Urheber beschimpfenden Vor-
gängen. So mnß dem der biblischen Wahr-
heit gegenüberstehenden Unglanben der Nath
Noemis an Rnth, den Booz des Nachts
ans der Tenne zn besnchen, welchen Vor-
gang nns das vorletzte Blatt wnndervoll
schildert, ihm diese ehrwürdige Franengestalt
geradezn als Kupplerin erscheinen lassen,
während sie mit diesem Rath einen Akt müt-
terlichen Wohlwollens für ihre Schwieger-
tochter übt, und die Erfüllung eines weisen
Gesetzes ihres Volkes zu bewirken sucht.

Die letzte und lebhafteste Komposition
unseres Meisters 311111 „Buche Ruth" ver-
setzt uns vor die Mauern Bethlehems,
wo Booz die Verzichtleistung seines Ver-
wandten ans die Aecker Elimelechs und
damit auf Rnth entgegennimmt. „Das
war ein altes Herkommen in Israel bei
Verwandten, daß wenn einer dem andern
sein Recht abtrat, um die Verzichtleistung
zu bestätigen, er seinen Schuh anszog und
seinem Verwandten gab; das war der
Beweis der Verzichtleistung in Israel."
(R. 4, 7.) In der Mitte erblicken wir
die immer gleich schön gezeichnete Gestalt
des Booz, der den ausgezogenen Schuh
des vor ihm sitzenden Verwandten empor-
hält und den herumsitzenden Aeltesten der
Stadt zeigt, während das Volk unter dem
Thore seine Hände segnend ansstreckt und
der auf einer steinernen Estrade vor ihrem
Hause neben der Schwiegermutter Noemi
stehenden Ruth zuruft: „Der Herr lasse
sein diese Frau, welche in dein Haus
kommt, gleich Rachel und Lea, aus denen
sich erbaute das Haus Israel, auf daß
sie sei ein Tugendbeispiel in Ephrata und
einen geehrten Namen habe in Bethle-
hem." (4, 11).

Die Reproduktion durch H e i u r i ch
IN e r z ist eine ausgezeichnete zu nennen ;
es liegt in diesen Kupferstichen eine solche
Meisterschaft, daß in Feinheit und Zart-
heit, in poetischer Stimmung nnd male-
rischer Haltung Vollkommeneres nicht leicht
anzntreffen sein wird. Die rhythmische,
freie Bewegung, die schwungvolle edle
Gliederbildung, die anmuthig, weich hin-
fließenden Formen, die den Zeichnungen
Führichs so eigen sind, werden durch den
Stich trefflich wiedergegeben, und wenn

auch der Preis für diese 7 Kompositionen
mit 45 Mark für den Unbemittelteren
etwas hoch ist, so darf der Käufer doch
versichert sein, daß er ein wahres Kunst-
werk erhält. Ich möchte namentlich den
hochwürdigen Klerus auf diese künstlerische
Erscheinung, welche, so weit meine Er-
fahrung reicht, selbst Seitens der katho-
lischen Presse noch nicht die verdiente
Würdigung gefunden, aufmerksam machen.
Dieser Bildercyklus, als Zierde in einem
Hanse verwendet, würde Dutzende von den
fast- und kraftlosen Oelfarbdrucken oder
den modernen „Prämienbildern" unserer
Zeitschriften, heißen sie wie sie wollen,
aufwiegen und ein immer werthvoller
Schatz des Hauses bleiben.

Wir kommen zu einem mehr profanen
Werke des gewandten Stiftes unseres
Wiener Altmeisters; es sind die Zeich-
nungen zum „armen Heinrich", die
erst in neuerer Zeit veröffentlicht wurden.
Wer kennt nicht den Hartmann von der
Aue, deu Dichter voll Gemüth und Fröm-
migkeit, sprachgewandt und in der Be-
handlung des Reimes so sorgfältig? Von
seinen vier epischen Dichtungen ist wohl
eine der herrlichsten des ganzen Mittel-
alters „der arme Heinrich", bei der man
überall heraussindet, daß der Dichter von
seinem Stoffe aufs Tiefste ergriffen war.
Diese zarte Dichtung nun dem deutschen
Volke nahe zu bringen, erschien dem Ver-
leger, Alphons Dürr in Leipzig, eine wört-
liche Uebersetzung in Versen weniger ge-
eignet als eine kürzere Profanerzähluug;
eine solche sucht nun trotz einiger Freiheit
der Uebertragung einen im Tone dem
Originale ähnlichen Eindruck hervorzu-
bringeu, was auch gelingt. Es war wohl
kein deutscher Künstler mehr berufen, dieses
so lautere Gold der herrlichen Dichtung
in eine ebenbürtige künstlerische Form um-
zuprägeu, als gerade Führich; in sieben
Zeichnungen hat denn auch all' die Wärme
und Reinheit der Empfindung, die treu-
herzige Naivität, kurz all' das innig Schlichte
und Zarte, das uns ans diesem edlen
Gedichte anspricht, einen unübertrefflichen
Ausdrnck gefunden. Im Titelblatte er-
scheint uns der fröhliche Jüngling, die
Laute spielend und heitere Lieder singend,
nachlässig sich anlehnend an einen gewal-
tigen Pfeiler des Korridors seines Schlosses;
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