Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

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ehrfurchtsvoll grüßen ihn die vorüberziehen-
beit Ritter, und ein Ausblick in die herr-
liche Landschaft mit den Wäldern, Flüssen,
Bergen und Auen lassen auf das irdische
Glück der Insassen des Schlosses rathen.
Doch ein zweiter Entwurf zeigt uns den
Jüngling nicht inehr tu seiner Fröhlichkeit;
betrübt sitzt er neben dein Arzte in Sa-
lerne und weist ihm seine von Geschwüren
überftillte Brust und vernimmt seine so
trostlosen Worte. Jnr Weitern sehen wir,
wie der „arme Heinrich" non seiner Habe
scheidet und vor der Welt flieht, wie er
ein Unterkommen sucht bei den: fromnien
Manne, dem er so viel Gutes gethan.
„Er that fein schlechtestes Kleid an," heißt
es in der Erzählung, „und setzte sich auf
sein Roß nitb ritt traurig hinunter den:
Burghof im Wald. An der Stelle, da
der Wald sich lichtete, stand das kleine
Haus des Meiers, und der Ritter hatte
kaum den Waldrand hinter sich gelassen,
so sah er schon den Alten mit Weib und
Kind vor das Thor mit ehrerbietigem
Gruße heraustreten. Das freute den armen
Heinrich, nitb als er näher kam und meinte,
daß die Alten und sogar die Kinder freund-
lich thäten, als hätten sie seit lange schon
den Gast erwartet, da wurde er fast ganz
froh, denn seither mußte er meist Men-
schen sehen, die ihm ungern den Gruß
boten und auch das Antlitz ganz von ihm
wendeten." Eine ländliche Idylle tritt vor
unser Auge, wie wir sie treuherziger und
naiver nicht denken können. Unter dem
Vordache begrüßt der Hausvater, eine
biedere schwäbische Gestalt, mit Weib und
Kind den Ankömmling zu Pferd, im Hin-
tergrunde liegt das ferne Schloß, das der
Ritter verlassen, und im Freien weiden
die Kühe des freien Meiers; aus der
ganzen Situation und den freundlichen
Mienen der Hausbewohner schon sieht man,
welch' gastliche Aufnahme der arme Hein-
rich finden wird.

Im vierten Bilde sehen wir, wie die
Tochter des Hauses nächtlicher Weile an
ihre Eltern mit der Bitte sich herandrängt,
für den armen Heinrich sich opfern zu
dürfen, und im fünften ist die Abreise
geschildert; zum letzten Male winkt die
Maid vom Saumpferde herab Abschieds-
grüße ihren Eltern zu, welche vor Gram
und Kummer die Hände znsammenschlagen

und betrübten Blickes den Abreisenden
nachschauen. Doch weiter ziehen sie, fort
nach dein fremden Lande, zuerst vorüber
an dem Bildstocke der schmerzhaften Mutter
Gottes, wo unten das Opfer Abrahams
gezeichnet ist, — auch in diese weltlichen
Bilder bringt Führich Merkmale seiner
katholischen Ueberzengung, — noch einmal
schaut von der Anhöhe herunter über die
Gipfel der Tannenwälder das schöne Schloß,
die Heimath, wo einstens der arme Hein-
rich schönere Tage verlebte. In Salerne
führt uns der Zeichner in das Arbeits-
zimmer des Arztes; schon liegt die edle
Jungfrau gebunden auf dem Schrägen,
schon zieht der Meister das Messer ab ans
dem Steine, daß es kreischt und dem ar-
men Heinrich durch Mark und Bein geht;
er sieht durch einen Spalt der Thüre, was
vorgehen soll. Dieser kalte Blick, mit dem
der Arzt sein Opfer betrachtet, und das
Entsetzen des armen Ritters ist außer-
ordentlich künstlich gelungen, une auch die
letzte Scene, die zur Darstellung kommt,
nämlich die Kopulation des wiedergenesenen
Ritters in der Hauskapelle. Die zarte
Innigkeit des edlen Bräutigams, die tiefe
freudige Ergriffenheit der Eltern, die feier-
liche Handlung des Priesters und die ge-
weihten, heiligen Hallen, unter denen die
hl. Handlung vor sich geht, das alles
spricht unmittelbar von selbst zum Gemüth
des Beschauers.

Die Zeichnungen selbst sind von K. Oertel
durch den Holzschnitt reproduzirt und zwar
in jener schlichten, volksthümlichen Art,
welche mit Vermeidung von all jener mo-
dernen Effekthascherei und jenen oft pikant
sein sollenden Nebendingen nur auf das
Wesentliche, unmittelbar Ansprechende hin
Gewicht legt. Die Ausstattung des Büch-
leins selbst geschah in großen Schwabacher
Lettern mit Kopfleisten, Initialen und
Vignetten und zwar auf einem Papier,
das mit seiner körnigen Tertur an Per-
gament erinnert, und eine höchst voll-
endete ist.

Es müßte auffallend erscheinen, wenn
unser Altmeister Führich, der eine so statt-
liche Anzahl zusammenhängender Bilder-
reihen schuf, nicht auch einen Cpklns über
das Leben derjenigen geschaffen hätte, die er
einst in seinem Gemälde „Gang Mariens
über das Gebirge" in so wunderbar schöner
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