Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

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Weise verherrlicht hatte. Und wirklich be-
zeichnet ein solcher Cyklus „Das Leben
Mariens" wie den Höhepunkt seiner
Tage, so auch zugleich die reichste Frucht-
barkeit seines Schaffens. Es sind 28 Kon-
turzeichnungen aus dein Jahre 1869, die
noch aus dein Nachlasse des großen Mei-
sters stannnen und im Verlage von Gebr.
Karl und Nikolaus Benziger in Einsiedeln
im Jahre 1882 erschienen sind. Um die
anspruchslosen und vielleicht darum gerade
so innig anninthenden Blätter möglichst
weiten Kreisen zugänglich zu machen, wurde
die Vervielfältigung im Lichtdrucke gewählt,
eine Kunstweise, die hier mit besonderen
Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, da die
Originale in ziemlich verblaßter Bleistift-
zeichnung, wie Meister Führich es gerne
nannte, „niedergeschrieben" sind. Es mnß-
ten daher erst Kopieen in schwärzeren Linien
geschaffen werden, welche Eduard Lattich
von Lullichheim als treuer Schüler des
Meisters mit ebenso großer Pietät wie
klarem Verständniß zu lösen wußte. Dazu
hat Lukas von Führich, des Meisters Sohn,
einen erläuternden Text geschrieben. „In
der schlichten Rede weniger Linien wird
hier die wunderreiche, so oft schon erzählte
imb doch nie auserzählte Geschichte Un-
serer Lieben Frau der uralten Tradition
und der hl. Schrift nacherzählt. Fünf
Blätter sind der Vorgeschichte, vier dein
Jugendleben der hl. Jungfrau, fünfzehn
i£)rem Zusammenleben mit ihrem göttlichen
Sohne und drei ihrem Heimgange und
ihrer Verklärung gewidmet; voraus geht
ein Titelblatt." Es sind also Bilder, welche
die alte Geschichte treu darstellen, welche
jedes neue Kirchenjahr den: Christen wieder
vorführt, heilige Geheimnisse in tiefsinniger
Auffassung, in denen einerseits die über-
lieferte Darstellnngsweise nicht verlassen,
andererseits die persönliche Empfindung
des Künstlers in annuckhender, oft kind-
licher und volksthümlicher Weise zum Ans-
drucke kommt. Oft ist die Auffassung ganz
neu und überraschend, wie bei der Geburt
Christi (Bl. 15), dann heiter und leicht-
verständlich behandelt, wie die Geburt
Mariä (Bl. 7) und Maria mit den Tempel-
jnngfranen (Bl. t 1). Energisch in Aus-
fnssung und Durchbildung ist die Flucht
nach Aegypten (Bl. 19) und Jesus unter
den Schriftgelehrten (Bl, 21), seltsam aber

gewaltig die Krönung Mariä durch die
drei göttlichen Personen ansgefaßt (Bl. 28).
Großartig ist auch das Bild, aui welchem
die heiligen drei Könige den ausgehenden
Stern begrüßen. Rührend ist die Dar-
stellung des Todes des hl. Joseph: der
abnehmende Mond sieht durchs Fenster
hinab auf den Sterbenden und gießt himm-
lischen Frieden über die ganze Gruppe;
zwei Tauben, die zu seinem Haupte sitzen,
erinnern an seine jungfräuliche Ehe; der
göttliche Sohn neben den: Bette des ster-
benden Vaters ist ein Bild hoher Majestät
und doch auch der tiefsten Trauer. In
zahlreichen Kreisen hat sich der Sinn für
die hl. Geschichte und die christliche Kunst
schon beim Erscheinen dieser edlen Gebilde
des Marienlebens erhoben und erwärmt,
und diese Veröffentlichung wird auch in
Zukunft gegenüber den flüchtigen Erschei-
nungen des modernen Knnstmarktes blei-
benden hohen Werth haben.

Als die gelungenste aller Stiftzeichnnngeu
Führichs wird von der neueren Kunst-
geschichte „Der verlorene Sohn" (frei
nach Lukas, Kap. 15, Vers 11—21) be-
zeichnet, acht Blätter im Besitze der Hand-
zeichnnngen der Akademie zu Wien, ge-
stochen von Petrak, die erste außerordent-
liche Publikation der „Gesellschaft für ver-
vielfältigende Künste" in Wien. Diese
Parabel, die Krone unter allen Parabeln
des Heilandes, ist in ihrer Ausführung
sprechend anschaulich und ergreifend und
tief nach ihrem Inhalte, daher für künst-
lerische Kompositionen wie geschaffen. Sie
erläutert in höherem Sinne das Verhältniß
der Sünder gu dem Gesetzesgerechten im
Angesichte Gottes des Erlösers. Die hei-
ligen Väter deuten das Bild auch weiter-
hin vom Verhältniß des Heiden- znnr
Judenthum bezüglich des Erlösungswerkes.
Führich aber bezweckt mit seiner herrlichen
Zeichnung der Parabel, ihre didaktische
Seite uns vor Augen zu führen, nämlich
die unendliche Barmherzigkeit Gottes gegen
den Sünder zu veranschaulichen und so
diesen vor Verzweiflung 51t bewahren, die
Treugebliebenen dagegen vor Mißgunst
und Aerger beim Anblick der göttlichen
Güte zu behüten. Das erste Blatt zeigt,
wie der verlorene Sohn mit seinem Be-
gleiter auf stattlichen Rossen eben vom
heimathlichen Hause fortreitet, während der
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