Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

Seite: 50
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Mid er des Wagens, der gezogen wird von
beit vier mystischen Wesen der Apokalypse,
die vor dem Throne Gottes sind, dem
Engel, dem Adler, dem Löwen und dem
Stier, zugleich den Symbolen der vier
Evangelisten. Im siebenten Blatte folgen
unmittelbar dem Wagen die kraftvollen
Gestalten der Apostel, dann folgen heilige
Märtyrer, heilige Frauen und Jungfrauen,
im zehnten christliche Anachoreten uitb hei-
lige Ordensmänner, Gestalten im rauhen
Gewände ohne Schmuck mtb Zier, aber
voll Ernst und Würde. Das letzte Blatt
enthält einige bedeutende Gestalten und
Charaktere, von verschiedener, jedoch an
sich und in der Hauptsache immer gleicher
Würde, Heilige und Selige, welche in den
mannigfaltigen Verhältnissen des Lebens
stehend ein und dasselbe Ziel verfolgen
und erstreben, nämlich die Erhaltung, Ver-
herrlichung und Verbreitung des Reiches
Gottes ans Erden. Voran steht Christo-
phorus, der riesige Christusträger, es fol-
gen Franz Xaver, Isidor, Wendelin, die
Kaiser Konstantin und Karl der Große
und am Schlüsse Fra Angelico da Fiesole,
die herrlichen alten Malerschulen repräsen-
tirend, aus denen so viele Werke der
Kunst hervorgingen und die Glorie des
Christenthums erhöhten.

Diese Betrachtung der bisher be-
sprochenen Bilder wird uns die Ueber-
zeugung geben, daß Führichs Stift zu den
bedeutendsten des Jahrhunderts gehört.
Es konnte darum auch nicht fehlen, daß
die meisten Erscheinungen, besonders die
cyklischen Werke, in der Künstler- wie
Laienwelt gerechtes Aufsehen und entspre-
chende Würdigung fanden. Sie sind alle
von großer Innigkeit und Anmnth, und
eine reine, keusche Seele, die jeden natu-
ralistisch sinnlichen Effekt der modernen
Kunst behufs besserer Verwerthung auf dem
Markte verschmäht, schaut aus ihnen. Wer
nur immer Sinn für Kunst und ein un-
getrübtes heiteres Gemüth besitzt, dem kann
kein willkommeneres Geschenk geboten wer-
den als eine Arbeit Führichs. Es stehen
darum auch diese Werke in der deutschen
religiösen^ Kunst der Gegenwart beinahe
einzig da und zwar durch die Vereinigung
eines tiefinnerlichen Ausdrucks, wie ihn
selbst nur Overbeck besitzt, und eines Schön-
heitssinnes, welcher den reizendsten Schöpf-

ungen eines Moritz Schwind die Wage
hält. In der schlichten, aber im besten
Sinne des Wortes eleganten Holzschnitt-
zeichnung oder in der feinern, für den
Metallstich bestimmten, enthalten sie eine
Fülle von Poesie, dazu die natürlich schöne
Vollkommenheit der Formen, der Charakter
der edlen Köpfe, die korrekte Zeichnung,
die reichen landschaftlichen Umgebungen,
das alles erregt in deni empfänglichen Be-
schauer immer ein neues lebendiges In-
teresse für die Vorgänge der hl. Schrift,
er wird zur B e t r a ch t u n g angeregt, aus
der sie hervorgegangen sind, denn, so
schreibt der Meister selbst in seinen Heften
„von der Kunst": „Tausende, die noch
beten, können nicht mehr betrachten, und
die Betrachtung ist so recht die Heimath
oder Boden der Kunst. Der Künstler muß
ein Mann der Betrachtung sein und ein
Mann der Begeisterung, welcher im Stande
ist, das didaktische Element von der trocke-
nen Verstandes- oder Vernunftsphäre in
jene der Empfindung zu erheben, das bloße
Sehen oder Schauen zum Betrachten zu
steigern."

Der Ambrosianische Lobgesang in der
bildenden Aunst.

Von Dr. Heinr. Oidtmann in Linnich.

Für weitaus die meifteit Bilddarstellungen in
der Glasmalerei haben sich aus den verschiedenen
Zeiten mehr oder weniger mustergiltige Vorbilder
erhalten, so daß ihre Erfindung dem ausübenden
Künstler höchst selten besondere Schwierigkeiten
zu bereiten pflegt. Letzterer braucht demgemäß
bei Ausstellung zusammengehöriger Bilderreihen
das Hauptgewicht nur auf die fachmännische und
künstlerische Durchführung zu legen. Weniger
leicht gestaltet sich die Aufgabe bei außergewöhn-
lichen Anforderungen. Umfassende Ausstattungs-
vorschläge wurden veröffentlicht von Essenwein
(für St. Gereon imb Groß-St. Martin), von
I. Schlitz zur Ausschmückung der Münsterkirche
gu Bonn, Steph. Beißel 8. J. in der Zeitschrift
für christliche Kunst (1894 und 1898).

Die Seltenheit zweier Bildkreise, welche vom
Verfasser zuerst aufgestellt und in der Linnicher
Glasmalerei-Werkstätte entworfen wlirden, dürfte
ihre ilähere Besprechung an dieser Stelle behufs
lveiterer Verbreitung rechtfertigen.

In dem einen Falle handelt es sich um die
farbige Ausstattung vo>r fünf großen, gestielten
Fächerfenftcrn für den Chor einer romanischen
hl. Dreifaltigkeitskirche. Sämmtliche
Fenster sollten figürlichen Schmuck erhalten und
zugleich in innerem Zusammenhang oder vielmehr
in enger Beziehung zum Hauptbilde, zur hl. Drei-
faltigkeit, stehen, also kurz eine Verherrlichung
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