Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

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der göttlichen Dreieinigkeit darstellen. Der erste
Gedanke, rechts und links von der hl. Dreifaltig-
keit Gruppenbilder anzubringen, in welchen die
göttlichen Personen Vorkommen, mußte einer
anderen Auffassung weichen. Für diesen ersten
Gedanken würden die Verkündigung des Herrn ;
und die Taufe Christi auf der einen, die Sen-
dung des hl. Geistes und das jüngste Gericht aus
der anderen Seite als Vorwürfe gedient haben.

Dagegen sollten zwei andere Plane in Betracht
kommen. Der eine gründete sich auf das apo-
stolische Glaubensbekenntnis; und wählte dem-
entsprechend passende Hauptbilder für die Fächer-
fenster , während in beit unteren Abtheilungen
Stellen der hl. Messe nebst den zugehörigen Vor-
gängen aus dem Leben und Leiden des Erlösers
Platz finden sollten. Die Sätze der hl. Messe
konnten auf Spruchbändern, auf den einfassenden
Arkadenbögen oder in den Friesen untergebracht
werden. Diese Wechselbeziehung zwischen dem
unblutigen Opfer der hl. Messe und dem Leben
des Heilandes hat vortrefflichen Ausdruck ge-
funden in dem alten romanischen Mittelfenster
des Chors der Matanianikirche zu Bücken in Han-
nover, ferner, allerdings in anderer Auffassung
in einem gothischen Fenster der Jakobskirche zu
Rottenburg o. d. Tauber. Die Anlage dieses
Planes würde sich folgendermaßen gestalten. Im
ersten Fenster der Evungelienseite als Hauptbild
Melchisedech, darunter das Brustbild des hl. Petrus
mir dem Glaubenssatz „Credo in unum Deum,
patrem omnipotentem, factorem coeli et terrae“,

im Sockelfeld unter Doppelbogen der Priester
beim Staffelgebet (ln nomine patris rc.i, daneben
Propheten, welche die Geburt des Heilandes ver-
künden oder die Geburt. Es folgen nun in ähn-
licher Anordnung die Anbetung der hl. Dreikönige,
des Apostel Andreas mit dem Satze „Et in unum
Dominum Jesum Christum, filium Dei unigeni-
tum“, im unteren Felde der Priester beim Ooria,
ferner Engel, den Hirten die Ankunft des Er-
lösers verkündigend. Das Mittelsenster gehört
der hl. Dreifaltigkeit, im Sockel der Priester beim
Credo, daneben Oelberg oder Geißelung. Das
nächste Fenster erhält die Sendung des hl. Geistes,
das Brustbild des hl. Matthäus mit den Worten
„Et in Spiritum sanctum Dominum“ , unten

die Präfatiou nebst Kreuzestod. Im letzten
Fenster finden wir die Uebergabe der Himmels-
schlüssel, den hl. Jacobus minor: ,,Et in unam
sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam“,

im unteren Felde den Priester, wie :r im Namen
der hl. Dreifaltigkeit den Segen spendet, und
die Himmelfahrt.

Bei zweitheiligen gothischen Chorfenstern hätte
man vielleicht die 12 Apostel mit den Sprüchen
des Glaubensbekenntnisses anbringen können.

Eine wohl ungleich bessere Lösung fand Ver-
fasser in dem gedankenreichen Inhalt des herr-
lichen A m b r o s i a n i s ch e n L o b g e s a n g e s, des
Hymnus S. S. Ambrosii et Augustini.
Dieses gewaltige Glaubensbekenntniß, welches
nach der Legende die hl. Kirchenväter zu Mailand
unmittelbar nach der Taufe des hl. Augustinus
durch den hl. Ambrosius am Charsamstag 387
ohne jedwede Verabredung, gleichsam auf göttliche
Eingebung in lautem, wechselseitigem Jubelgesang
dem Allmächtigen dargebracht haben, bietet dem

| denkenden Künstler eine unvergleichliche Fund-
grube zur Verherrlichung der hl. Dreifaltigkeit.
Gerade das De Deum iaudamus, das lyrische
Credo, wie Bone es nennt,') eignet sich zur Dar-
stellung durch die bildende Kunst in ganz hervor-
ragender Weise. Der Hauptraum des mittleren
Chorfensters bleibt selbstverständlich dem Bilde
der hl. Dreieinigkeit Vorbehalten: Gott Vater,
den Gekreuzigten vor sich haltend, oder beide
göttliche Personen sich gegenübersitzend, dazwischen
der hl. Geist. Das untere Feld des Fenster-
stieles nimmt das Kniestück des hl. Ambrosius
auf, aus dessen Munde auf einem Spruchband
der Anfang seines hehren Lobliedes hervorquillt:

De Deum iaudamus, De Dominum confitemur.

Der weitere Wortlaut wurde auf alle Fenster
verteilt, sich deren Inhalt anpassend, indem er
zugleich den pflanzlichen Schmuck der umrahmen-
den Bordüren theilweise ersetzte. In den Lappen
oder Blättern des Fächers sowie in der oberen
Hälfte des rechteckigen Theiles werdeit die seligen
Chöre der Engel durch je einen Vertreter in
Brustbildern vorgeführt: Dibi omnes Angel!,
Dibi Coeli et universae Potestates, Dibi Che-
rubim et Seraphim incessabili voce proclamant:
Sanctus, sanctus, sanctus Dominus Deus Sabaoth.
Patrem immensae majestatis. Venerandum tuum
verum et unicum Filium. Sanctum quoque
paraclitum Spiritum.

Das äußerste Fenster der Evangelienseite wäre
dem Satze „De gloriosus Apostolorum chorus“,
„Dich preiset der glorreiche Chor der Apostel",
gewidmet und ist demgemäß ausgestattet. Im
folgeitden Fenster erscheint als Hauptbild die
Darstellung des „De Prophetarum laudabilis
numerus“, der Propheten preiswürdige Zahl;
in der Mitte die großen Propheten, in den Lappen
nach bestimmter Auswahl die kleinen. Auf der
gegenüberstehenden Seite kennzeichnet das Spruch-
band „De Martyrum candidatus laudat exercitus“

den Inhalt: „Dich preist der Märtyrer glänzende
Heerschaar". Im letzten Fenster der Epistelseite
endlich findet die heilige Kirche ihre Darstellung
dilrch die drei weiteren hl. Kirchenväter Gre-
gorius, Hieronymus und Augustinus, Papst,
Kardinal und Bischof: De per ordern terrarum
sancta confitetur ecclesia, Dich bekennt Über den
Erdkreis die hl. Kirche. In den Fächerlappen
sind die Brustbilder von Heiligen der geistlichen
und weltlichen Stände beiderlei Geschlechtes an-
gebracht.

In den unteren Theilen der vier seitlichen
Fenster haben, dem hl. Ambrosius gleichstehend,
dem man übrigens im Einklang mit der Legende
den hl. Augustinus zur Seite stellen könnte, die
Evangelisten Platz gefunden. Eine würdigere,
dabei gleichzeitig künstlerisch dankbarere Ausstat-
tung jener fünf Fenster dürfte schwerlich zu ent-
werfen sein. Diese Uebertragung der geistreichen
Gedanken des Ambrosianischen Lobgesanges in
die bildende Kunst ist unstreitig die schönste und
beste Lösung der gestellten Aufgabe, eine hl. Drei-
faltigkeitskirche mit passender Glasmalerei aus-
zuschmücken.

*) Vergl. Heinrich Bone. Das De Deum.
Frankfurter zeitgemäße Broschüren. Neue Folge
II. S. 71 u. s.
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