Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

Seite: 57
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Das hervorragendste Mosaik, das bei
uns in Württemberg bisher gefunden mor-
den ist, ist dasjenige mit Darstellung des
Orpheus, welches bei R o t t m e i l anfgefun-
den wurde. Dieses Mosaik zeigt aber schon
deutlich die weniger künstlerische, schon
mehr plumpe Art, wie sie die spätere
römische Zeit mit sich brachte.

Was nun die gewöhnlichen Darstel-
lungen auf den Mosaiken anbelangt, so
sehen wir Darstellungen von Scenen aus
der Mythologie, von Gladiatorenkämpfen
und Cirkusspieleu, daun einzelne Gestalten,
auch Darstellung von Musikern, wie z. B.
auf dem großen Mosaikbodeu, welcher bei
Neunich bei Trier gefunden wurde. Das
Mittelbild desselben ist insofern sehr in- I
teressout, als wir neben dein Hornbläser
einen Orgelspieler sehen. Darstellungen
von Thiereu, Pflanzen und Ornamenten
sind die gewöhnlichen. (gilt sehr häufiges
Mosaik ist auch dasjenige mit Darstellung
eines Hundes und der Inschrift ,,Cave
canem“. Aus späterer Zeit finden sich
auch Mosaiken mit Darstellungen, die sich
auf die christliche Religion beziehen, wie
z. B. der gute Hirte mit den: verlorenen
Schaf auf der Schulter, die Taube u. a.

Mit dein Verfall des römischen Reiches !
verlor auch das Mosaik an künstlerischer
Bedeutung und erst der byzantinischen Zeit
war es Vorbehalten, dasselbe in den
Kirchen zu neuer Prachtentfaltung §u 1
bringen.

II.

Bon der byzantinischen Zeit bis
zur Gegen w a r t m i t b e s o it b e r e r
Berücksichtigung der Bodenbeläge
in Kirchen.

Größte Aufmerksamkeit ließ man der
Ausschmückung des Fußbodens in den
byzantinischen Kirchen angedeihen. In
prunkvollen figürlichen und ornamentalen
Darstellungen, theils in Mosaik, theils in j
Marmor, suchte man dem Boden ein mit
der übrigen Pracht harmonirendes Ge-
präge zu geben.

Mit der römischen Architektur hat auch
die Art des Bodenbelags Eingang in ger-
manischen Landen gefunden und blieb be-
sonders der Mosaikbelag, auch als sich
der eigentliche deutsche Stil, der roiua-
nische Stil, entwickelte, iit den Kirchen
heimisch; so kann man noch in manchen j
alten romanischen Kirchen, besonders am!

Rhein, derartige Bodenbeläge oder Spuren
derselben sehen.

Reben den verhältnißmäßig theuren
Belägen aus Marmor oder Mosaik und
dem einfachen Boden aus Haustein be-,
merken wir aber in der romanischen Epoche
schon das Aufkonunen der eigentlichen
Thonsliesen, welche in Deutschland einen
Ersatz, besonders für den kostspieligen
Marmor, boten. Da künftighin für den
Bodenbelag gerade diese Thonflieseu in
beit Vordergrund treten, so werden einige
Worte über deren frühere Herstellung
wohl von Interesse sein.

Man versteht unter Thonflieseu eine
meist quadratische, inehr oder weniger dicke
Platte, glatt oder ornamentirt. Was das
Material aubelangt, aus welchem die
Fliesen bestanden, so war dasselbe ein
etwas feineres als das, welches für die
Anfertigung von Backsteinen und Ziegeln
angewandt wurde. Die Anfertigung ge-
schah in der Weise, daß mau eine be-
stimmte Quantität angewässerteu Lehm
oder Thon in eine eiserne Form brachte
und mit einem Holzschlegel feststampfte.
Die einzelnen so geformten Stücke wurden
alsdann getrocknet intb gebrannt. Die
Einritzung oder Einprägung der Orna-
mentirung geschah jedenfalls, nachdem die
geformten Steine etwas angetrocknet waren,
zuerst mit der Hand, später vermittelst
Schablonen oder Formen. Wollte man
etwas ganz Besonderes leisten, so goß
man die vertiefte Ornamentirung mit far-
bigen Glastlren aus. Letztere Art hat sich
aus beut fertigen Boden wohl nur kurze
Zeit gut präsentirt, da die Glasur durch
das Begehen bald ausgetreten wurde.

Daß anfangs die Farben der Thon-
flieseu sich nur iit bescheidenen Grenzen
bewegten, ist natürlich und haben wir so
in der romanischen Epoche zunächst nur
weiß, grau und roth.

Diese Thonfliesen sind die Vorgänger
der heutigen Mosaik und Thonplatten,
mit deren Herstellung sich etwa 100 größere
und kleinere Fabriken allein in Deutsch-
land beschäftigen.

Der gothische Stil behielt die schon be-
kannten Bodenbelagsarten bei. Die Ver-
wendung von Thonfliesen wurde mit den
Fortschritten in der Technik ausgedehnter.
Nicht allein wurden die Thonfliesen in
immer inehr verschiedenen Farben —-
schwarz, gelb, grün — angefertigt, son-
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