Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

Seite: 58
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dein es wurde auch die Oruameutiruug
eine bedeutend reichere und geschmack-
vollere, auch symbolische Darstellungen
fanden bald einen Platz auf den Fliesen
und somit ans dem Fußboden.

Neben den verschiedenartigen geometri-
schen Mustern, Verschlingungen, phan-
tastischen Gestalten nub üppigem Blätter-
und Rankenwerk sehen wir symbolische
Buchstaben und Thiere ans den noch er-
haltenen Fliesen jener Zeit. Die Ver-
zierung bezw. Ornamentirnng ist gelb auf
englischrothem Untergrund. Bei reliefirten
oder gravirten Fliesen, d. h. Fliesen mit
erhabener oder vertiefter Zeichmlng, war
die Platte einfarbig roth oder hellgelb.

Auch bei der Bildung der sogenannten
Labyrinthe — eigenartige symbolische
Darstellungen in Form von Irrgärten —•
waren die Fliesen von hoher Bedeutung,
insofern, als die Irrwege sehr häufig durch
Fliesen gebildet wurden.

In der Gothik hatten die Thonfliesen
die größte Verwendung und Verbreitung
gefunden; allmählig wurden sie, jedenfalls
infolge anhaftender Mängel, nach und nach
immer nrehr verdrängt.

Zu den Zeiten der Renaissance war die
Verwendung der Thonfliesen eine noch
häufige, man machte in der Technik auch
noch einige Fortschritte, so konnten wieder
einige Farben mehr hergestellt werden,
aber auch dies scheint wenig dazu beige-
tragen zu haben, diese Art von Boden-
belag vor der Zurückstellung bewahrt zu
haben. Marmor und Steinplatten traten
nun iit den Vordergrund.

So geriethen die Thonflieseu und die
Technik ihrer Herstellung allnrählig in
Vergessenheit.

Der Mitte des 19. Jahrhunderts erst
war es Vorbehalten, die Thonfliesen zu
neuem Leben zu erwecken, besonders in
der besten Form, den sogen. Mosaikplatten.
Dank der vorzüglichsten Beschaffenheit der-
selben, besonders bezüglich der Härte und
Schönheit, hat diese Bodenbelagsart inner-
halb 50 Jahren eine Beliebtheit erlangt,
wie kann: ein anderes Material.

Die Kanzel.

Jenes Einrichtungsstück unserer Kirchen, von
dem aus in der Regel gepredigt wird, nennt man
Kanzel oder Predigtstuhl. Es war von jeher
gebräuchlich, die religiösen Vorträge bei den
gottesdienstlichen Versammlungen der Christen ;
von einem erhöhten Orte aus zu halten. Schon j

der hl. Augustin sagt: „Die Bischöfe haben einen
erhöhten Sitz, damit sie von da das Volk über-
schauen und bewachen können. Von diesem Orte
aus sind wir eure Lehrer." Episcopus (Bischof)
bedeutet ja so viel als „Aussetzer". Bereits in
den Catakomben findet sich neben dem Altäre
eine Art Armsessel als bischöflicher Sitz oder
Lehrstuhl. Ein sehr alterthümlicher und tragbarer
Sitz wird in Rom sogar als Stuhl Petri ver-
ehrt. In den alten Basiliken hatte der Bischof
in: Hintergründe der Altarnische einen über
Stufen erhöhten Lehrstuhl, an den sich rechts
und links niedrigere Bänke für die übrige Geist-
lichkeit anschlossen. Der schon äußerlich aus-
gezeichnete Sitz des Bischofes, der heute auf der
Evangelienseite des Altares errichtet wird, heißt
Thron, ivurde aber früher carlleclra, das heißt
Lehrstuhl genannt. Um sich dem Volke besser
verständlich zu machen, bestiegen die Bischöfe und
Priester zum Predigen auch öfter den Ambo,
welcher in den altchristlichen Kirchen seinen Platz
an der Grenze zwischen Priester- und Laienraum
hatte; beide waren durch ein Gitter (cancelli)
von einander geschieden, wie heute noch oft durch
die Communionbank. An beiden Enden dieser
Schranken waren Ambonen errichtet; der auf der
Evangelienseite befindliche diente dem Diakon zur
Absingung des Evangeliums, jener auf der Epistel-
seite dem Subdiakon zur Lesung der Epistel.
Der Evangelien-Ambo nun wurde auch vom
Bischöfe zur Predigt benützt und befindet sich
daher der Predigtstuhl in unseren Kirchen meistens
richtig auf der Evangelienseite, und zwar in der
Regel am Frohnbogenthore oder, wenn das Schiss
ziemlich lang ist, an der Nordivand, in drei-
schiffigen Kirchen etwa am ersten oder zweiten
Pfeiler der Nordseite. Von den alten Priester-
chorschranken (cancelli) behielt er den Rainen
„Kanzel", wie von ähnlichen Schranken der Ge-
richtssäle, Amts- oder Schreibzimmer die „Kanz-
leien" noch immer ihren Namen haben.

Die alten Ambonen waren um zwei bis drei
Stufen erhöhte und umfriedete, das heißt mit
einer Brustwehr (Parapet) und einem Vorlesepult
versehene Plätze. Am ähnlichsten sind ihnen die
einfachen Christenlehrkanzeln, die man bei uns
hie und da stndet. Sie sind aus Holz, vier- oder
mehreckig und verschiebbar, jedoch fehlt ihnen das
Lesepult, wie auch der Schalldeckel. Ganz ähnlich,
nur höher und größer ist auch die Rothkanzel im
neuen Dome zu Linz; wegen des großen Kirchen-
raumes besitzt sie auch einen baldachinartigen
Schalldeckel. In Italien finden sich öfters sehr-
geräumige, tribünenartige Kanzeln, damit der
Prediger auch etwas hin- und hergehen könne
oder daß ihrer zwei Redner ein Wortgefecht, eine
Disputation, aufführen können, wie es den leb-
hafteren Südländern mehr zusagt. Solche Kanzeln
und selbst die von der bei uns üblichen Größe
ruhen dann auf mehreren Süulchen und Bögen;
namentlich gibt es dort noch mehrere dieser Art
im romanischen Stile und findet sich an selben
häustg ein Pult, getragen von den Fittichen eines
Adlers, ein bei den Alten sehr beliebtes Motiv.
Da unsere Kanzeln stets nur für einen Redner
bestimmt waren, so sind sie nie gar uinfangreich
und genügt ihnen als Stütze eine einzige Säule
oder ein Bündelpfeiler, da sie im Uebrigen ohnehin
an einer Wand der Kirche oder an einem Schiffs-
pfeiler angebracht sind. Unsere alten Steinkanzeln
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