Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

Seite: 59
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der Gothik, wie bei St. Stefan in Wien, in der (
Stadtpfarrkirche zu Brannau oder in der Pfarr-
kirche zu Weißkirchen an der Traun, müssen un-
bedingt auf einem Pfeiler ruhen oder ein ähn-
liches stützendes Bauglied haben, fei es eine
schlichte Säule oder ein sockelartiger Unterbau,
wie in der Franziskanerkirche zu Salzburg.
Manchmal wurde eine Steinkanzel auch nur erker-
artig aus der Mauer oorgekragt, wie eine solche
höchst einfache zu Pulgarn a. d. Donau war.
Hölzerne Kanzeln konstruirte man wohl auch mit-
unter balkonartig, so daß sie sich gut an die
Wand legen und dann benöthigen sie keinen Fuß.
Meistens aber gestaltete man sie in ben modernen
Stil arten wie eine schwebende Konsole, d. h. mit
einem sogenannten herabhängenden Zipf und das
ist nicht schön, weil eine so große Hängkonsole
unnatürlich ist. Das sah man zur Zeit der
Renaissance und guten Barocke ein, weshalb man
damals auch den hölzernen Kanzeln noch häufig
einen Fuß gab. Bei den neugothischen geschieht
es richtig auch zumeist. i

Die gegenwärtige Form unserer Kanzeln stammt
aus dem 13. Jahrhunderte. Die Erhöhung des
Standortes des Predigers hat einmal den na-
türlichen Grund, daß er die Zuhörer überschauen
könne und von diesen besser gesehen und leichter
verstanden werde; sie hat aber auch eine sinn-
bildliche Bedeutung, indem sie die Würde des
Predigers als Abgesandten Gottes anzeigt und
die versammelten Gläubigen auffordert, nach der
Mahnung Pauli zu suchen, was oben ist, wo
Christus zur Rechten des Vaters sitzt, der eben
durch den Mund des Priesters zu uns spricht. j
Da die Kanzel bei uns nur für je einen Pre- i
diger bestimmt ist, so braucht sie nicht rechteckig :
zu sein, sondern vier- oder mehreckig oder rund. ;

Von einem Antritt oder Sockel könnte der
Redner leicht Herabstürzen; daher ist eine Ver- !
gitterung (cancelli) oder gänzliche Einfassung i
seines erhabenen Standortes wünschenswertst. !
Diese Brustwehr nennt man das Parapet; es j
dient zugleich zum Auflegen der Hände. Zur
Verstärkung des Schalles wird fast in jeder, we-
nigstens etwas größeren Kirche über der Kanzel !
ein Schalldeckel angebracht, der oft etwas größer
ist, als die Kanzel, damit der Schall nicht so
sehr zu den Gewölben hinaufdringe, sondern viel-
mehr zu den versammelten Gläubigen hingeleitet
werde. Denselben Zweck hilft auch erreichen eine
hölzerne Wand im Rücken des Redners. Wenn
der Zugang zur Kanzel durch eine Wand führt, ;
so soll man diese Oeffnung durch eine hölzerne
Thür abschließen und nicht durch einen Vorhang. !
Auch ästhetisch macht es sich besser, wenn Kanzel
und Dach durch die Rückwand in architektonische
Verbindung gebracht sind. Kanzeln, welche in
ganz kleinen Kirchen oder Kapellen ausgestellt
sind, benöthigen kein Schalldach. Kanzeln, welche
nicht an einem Pfeiler oder an einer Wand be-
festigt sind, sondern frei stehen, wie in der Votiv- ,
kirche zu Wien, müssen auf mehreren Pfeilern
oder Säulen oder einem sonstigen genügend breiten
Unterbau ruhen; auch der Schalldeckel benöthigt
dann selbständige Träger oder er müßte, wie in
der neuen Pfarrkirche zu Traun, an Ketten von
der Decke herabhängen.

Weil die Kanzel der Predigtort oder Lehrstuhl
ist, so soll ihr figuraler Schmuck diese Be-
stimmung ausdrücken. Häusig bringt man an

jener Stelle des Parapetes, wo der Priester steht,
wenn er zur Geineinde spricht, die Figur Christi
als Lehrer an, das „Wort" Gottes, den „Logos“,
und zu beiden Seiten die Bildnisse der vier
Evangelisten oder nur bereit Symbole oder auch
die vier abendländischen Kirchenväter und zwar
entweder als Statuen in Nischen oder auf Kon-
solen oder halb erhaben geschnitzt oder nur ge-
malt. Für gothische Kanzeln werden geschnitzte
Bildwerke vorgezogen. In moderner Zeit stellte
man hier oft den himmlischen Säemann oder
dessen Bergpredigt dar. An der Kanzelthüre oder
der Verbindungswand zwischen Kanzel und Dach
oder Hut stellte man häufig die zwei Gesetztafeln
dar, oder Moses, den Lehrer der Israeliten, oder
den Bußprediger Johannes Baptist oder auch den
Völkerlehrer St. Paulus. An der Unterseite des
Schalldaches, somit über dem Haupte des Pre-
digers, bringt man gewöhnlich die Taubengestalt
des hl. Geistes an, den göttlichen inspirator, den
Christus den Geist der Wahrheit nannte und
von dem er den Aposteln und ihren Nachfolgern
versprach: „derselbe wird euch alles lehren und
euch an alles erinnern, was immer ich euch gesagt
habe". Oben auf dem Schalldeckel findet man
oft Jesus als guten Hirten oder als Weltheiland
oder auch als Lehrer dargestellt, oder etwa Moses
mit den Gesetztafeln oder Engel mit den Gerichts-
posaunen. Wenn an der Kanzel die Kirchenväter
erscheinen, so findet man auf dem Hute mitunter
die Evangelisten oder auch umgekehrt. Manchmal
kommen Muttergottes-Bilder an den Kanzeln vor,
häufiger jedoch Kruzifixe, weil eben nach St.
Paulus von Christus, und zwar als dem Ge-
kreuzigten, zu predigen ist. Daher sieht man an
der Hinterwand oder auf Kanzelbehängen mit
Recht oft auch den Namenszug Jesu, wie auch
zutreffende Aufschriften, z. B.: „Wer aus Gott
ist, der hört auf Gottes Wort".

(„Linzer christliche Kunstblätter.")

Maler Wcmneniiiacher.

Durch Herrn Stiftsbibliothekar Dr. Fäh in
St. Gallen veranlaßt, habe ich einige Nach-
forschungen über den Maler Wannenmacher an-
gestellt, deren Ergebniß auch die Leser des „Archivs"
interessiren dürfte. Der Maler Joseph Wannen-
macher wurde in Tomerdingen am 18. Sept.
1722 geboren; er war das einzige Kind aus
dritter Ehe des Hafners Johann Georg Wannen-
macher und der Barbara, geb. Schmid, von
Drackenstein.

Sein Vater segnete das Zeitliche am 18. März
1740, im Alter von 75 Jahren, seine Mutter am
23. April 1767, im Alter von 886z Jahren.

Wannenmacher ehelichte hier am 4. März 1753
eine Anna Eva, geb. Lutz, aus Eltmann in Franken
am Main, eine Verwandte des trauenden Geist-
lichen in Tomerdingen.

Dieser Ehe entstammten vier Söhne und
fünf Töchter, von welchen jedoch zwei Söhne und
zwei Töchter im zartesten Alter starben. Von
den überlebenden Söhnen, die mit zwölf Jahren
hier zur hl. Kommunion giengen, fehlt jegliche
weitere Notiz; sicher ist, daß sie über das beste
! Jünglingsalter nicht hinauskamen. Von den
Töchtern heirathete eine nach Stubenberg, zwei
nach München.

' Die Werke Wannenmachers auf Leinwand und
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