Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

Seite: 70
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Kirchlein und seine innere Ausstattung
ergangen, hat sich doch in seiner äußeren
Erscheinung nichts und in seiner inneren
Einrichtung nur wenig verändert. Nur
die ursprüngliche Lebhaftigkeit der Farben
mit Plafond hat nachgelassen und haben
sich Spalten gebildet; auch rief eine frühere
mißverstandene Restauration der Altäre
nach einer neuen, stilgerechteren. Wie
aber sollte nun restaurirt werden? Wir
dachten uns gleich beim ersten Anblicke
dieser Holzdecke und dieser Altäre nichts
anderes, als daß h i e r d e r n r s p r ft n g -
l i ch e Z u st and, s e l b st in alle n
Details, erhalten oder, w o
n ö t h i g , ent e uert werd e. Kein
Bild und kein Architekturtheil, kein Orna-
ment, sei es gemalt oder geschnitzt, soll
hinzngethan oder hinweggenommen werden,
nur Fehlendes sollte ergänzt. Ungehöriges
entsernt werden. Mit der Bedingung
striktester Einhaltung dieser Grundsätze
wurde denn der Kunstmaler Kalten-
b ach er in München mit Hinznnahme
einiger Gehilfen beauftragt, die 'Restau-
ration dnrchznführen, und er vollendete
die Arbeit mit aller Pietät und Gewissen-
haftigkeit.

Es wurden vor allem die Plnsond-
decken gereinigt und die Spalten, die sich
mit der Zeit durch Eingehen der Bretter
gebildet hatten, sorgfältig ansgespachtelt,
die Farbentöne wurden aufs Sorgfältigste
ansgelichtet und, wo nöthig, aufgefrischt
und das Anfgespachtelte in Ornament und
Farbenton mit dem Vorhandenen in Har-
monie gebracht. Es zeigt sich jetzt erst
recht die Zeichnung als eine flotte, schwung-
volle, wenn auch mitunter etwas derbe.
Dabei wurden auch die breiten Nahmen
der Bilder wieder ganz in ihrer früheren
Polychromirung und Vergoldung herge-
stellt, ebenso der Kreis von Ornantenten,
der sie itmgibt. Diese ganze Behandlung
der Ornamentik an der Decke und die
Ergänzung des schönen Blumensrieses um
die ganze innere Kirche hermn i)t wirklich
eine treffliche, fleißige Arbeit; mit aller
Pietät und Geschicklichkeit sehen wir den
alten Charakter dieser derbkräftigen deut- ;
scheu Spätrenaissance bewahrt.

Was die fünf resp. sechs Leinwand-
bilder der Decke anlangt, so konnte von
ihrer Restauration keine Rede mehr sein,

’ da sie, offenbar fast zwei Jahrhunderte
lang von jeder restaurirenden oder auch
nur reinigenden Hand unberührt, so de-
fekt geworden waren, daß eine Renovation
bei der Mehrzahl gar nicht mehr möglich
gewesen, bei den anderen aber so hoch zu
stehen gekommen wäre, wie eine Renher-
stellnng. Doch konnte man, wenn die
einzelnen Stücke oder Fetzen zusammen-
gefügt wurden, noch erkennen, daß die
Kompositionen nicht unbedeutend waren
und ein nicht ungewandter Meister in
Zeichnung und Colorit ihr Maler war.
Es wurde daher ihre Renherstellnng be-
j schlossen und zwar in der Weise, daß dem
Maler Kaltenbacher der Auftrag gegeben
wurde, die alten, im Charakter ihrer Zeit,
wie gesagt, gilt entworfenen Bilder getreu
zu copiren und zwar sowohl nach ihrer
ganzen Kompositionsweise als den einzelnen
Gestalten und nur insofern sollten kleine
Veränderungen resp. Verbesserungen ein-
treten, als offenbare Zeichnungs- und Lo-
loritsehler zu Tage treten würden. Diese
Arbeit ist denn auch int vorigen Winter
glücklich durchgeführt worden und wir
haben jetzt würdige, zmu Stile der Kirche
und ihrer übrigen Ausstattung passende
Darstellungen vor uns.

Gleich das Bild der Do des angst
Jesu am Oelber ge zeigt eine ganz
treffliche, dem hohen Ernste des Vor-
ganges angemessene Auffassung und es
entspricht auch die Farbengebung, wie bei
dieser so bei allen anderen Scenen dem
Passionsbilde. Der Heiland, ergriffen
im Innersten seiner Seele und das Auge
? zum Himmel gerichtet, kniet in der Mitte
! und wird von einem Engel gehalten, aller-
dings ein eigenartiges Motiv, das man
aber in der Spätrenaissance öfter trifft.
Ebenfalls eigenthümlich in der Anssassnng
erscheint oben Gott Vater, der zwei Engel-
knnben herabsendet, die gemeinsam den
Kelch halten; int Hintergründe die schlafen-
den Jünger. Die Geißelung zeigt eine
besonders würdige Darstellung: Christus
int Profil gesehen und blos an seinem
Oberkörper entblößt, ist, wie in dem gleichen
Bilde von Fiesole, mit den Händen au
eine Säule des Gerichtshofes gebunden
und wird von drei Schergen geschlagen.
Sein Körper ist noch nicht mit Blut über-
gosseu, ivie mau oft ans Bildern dieser
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