Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

Seite: 71
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Zeit sieht, überhaupt ist alles Gräßliche,
Unwürdige vermieden, nichtsdestoweniger
aber ist iit dem Angesichte und in der
ganzen Haltung des edel aufgefaßten Gott-
menschen tiefes Leiden nnd innige Erge-
bung in dasselbe ausgedriickt. Das Gleiche
gilt von der Dornenkrönung, die
eine ziemlich figurenreiche Komposition
zeigt; das Angesicht des dasitzenden Hei-
landes, dem von beit Soldaten eben die
Krone auf das Haupt gesetzt wird, ist
hier besonders edel nnd schön. Die leb-
hafteste Darstellung aber hat die Kreuz-
tragung, iit der man den Heiland eben
daran sieht, wie er unter der Last des
schweren Kreuzes zusammenzusinken be-
ginnt und ooit den Schergen geschlagen
ltub genöthigt wird, die Bürde weiter 51t
schleppen. Der Zug hat eben das Stadt-
thor Jerusalems verlassen mtb es folgen
der römische Hanptmann, Soldaten intb
Pharisäer dem Heilande auf dem Wege
nach Golgatha. Er wendet, wie iit der
betreffenden Darstellung Raphaels, sein
Haupt rückwärts, ohne daß aber hier,
wie dort, die heiligen Frauen anwesend
wären. In der Mitte der Holzdecke sieht
man Christus am Kreuz mit Maria
und Johannes, nnd im Chore die Auf-
erstehung Christi.

Die Sakristei, oder vielmehr der Raum
für dieselbe, befindet sich, wie schon oben
gesagt, hinter dem Hochaltar und geschieht
der Eingang in dieselbe durch zwei Thüreu,
je eine rechts und links vom Hochaltar.
Diese beiden Thüren haben in nicht
schlechten Darstellungen aus Holz gemalt
die Heiligen Rorbertns und Verena,
die Patrone des Klosters Roth. Ersterer
hält in der Rechten die Monstranz und
in der Linken das erzbischöfliche Kreuz
nebst einem Lorbeerzweig, auch trägt er
das Pallium über dem weißen Mantel.
Die hl. Verena, ein porträtartiges Bild,
hält in der Rechten einen großen Krug,
in der Linken einen Fisch mit einem Ring
im Maule, ein Attribut, das ikonographisch
folgenden Ursprung hat: St. Verena

wurde von dem Diener ihres Herrn, des
Pfarrers von Zurzach, gehaßt und deß-
halb stahl dieser der Heiligen einen kost-
baren Ring, welchen der Pfarrer seiner
Dienerin zur Aufbewahrung gegeben, und
wollte aus Verena den Verdacht des Dieb-

stahls lenken. Aber Fischer brachten dem
Pfarrer einen Fisch, den sie in dem Rhein
gefangen hatten. Als dieser ansgeweidet
wurde, fand sich der Ring vor, welchen
der boshafte Diener in den Rhein ge-
worfen hatte. Der Bösewicht gestand seine
Schuld und die Heilige wurde gerecht-
fertigt. lieber beiden Thüren ist je ein
Emblem in Medaillonform angebracht, um-
geben von verschiedenen, gewandt gemalten
Blumenornamenten mit Engelsköpfchen.
Auch der Beichtstuhl an der Südseite des
Chores nnd die ihm gegenüberstehende
Blendthüre haben in Figur nnd Orna-
ment gute, der Erhaltung werthe Bema-
lungen. Auf der Blendthüre sieht man
einen jugendlichen Prämonstratensermönch
zwischen zwei Engeln stehend, gemalt, die
sein Obergewand halten; in der Rechten
hält er das Regelbnch (Reg. S. O P. J.
O Deus G. L.-in omnibus Deus glori-
ficetur ?). Es wird dies unzweifelhaft
der selige W i l h e l m v 0 n R 0 t h sein,
lieber diesen gottseligen Prämonstratenser,
dessen Name Eiselin war, lesen wir bei
Butler (XIX. 371): Geboren im Jahre
1564 zu Mindelheim von ganz armen
Eltern, die ihm frühzeitig durch die Pest
entrissen wurden, wurde Wilhelm in Mem-
mingen bei den regulirten Chorherrn znm
heiligen Geist ausgenommen und erzogen,
wo besonders der Pfarrer Georg Harer
sich um ihn annahm, der ihn dann später
dem Abte Martinns Ermann im benach-
barten Prämonstratenserkloster Roth em-
pfahl. Hier eingetreten machte er in den
Wissenschaften wegen mangelnder GeisteS-
gaben nur geringe, in der Gottesfurcht
und Reinheit der Sitten aber desto größere
Fortschritte. Man pflegte ihn gemeinhin
nur den „Engel" 51t nennen. Sein
Oberer schickte ihn später ins Seminar
des hl. Hieronymus nach Dillingen, wo
er nun auch in den Wissenschaften besser
vorwärts kam. Hier ergriff ihn jedoch
eine tödtliche Krankheit, weßhalb sein Abt
es für gerathen fand, ihn nach Roth zu-
rückzurnfen. Jung an Jahren, aber alt
an Weisheit und Tugend entschlief er hier
selig im Herrn am 28. März 1588.

Noch sei die O r gele mp 0rebrüstu ng
erwähnt, welche auf Holz gemalt die vier
Evangelisten zeigt, derbkräftige Gestalten,
die gut erhalten sind. In der Mitte der-
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