Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

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— gß —

Gebiet der res spiritualibus annexae.
Ich möchte dazu die Wiedergabe des
kirchlichen Lebens und der kirchlichen Per-
sönlichkeiten, des Gottesdienstes, des
Klerus, des Mönchs- und Klosterlebens rc.
rechnen. llitb da ist eine entschiedene
Besserung nicht zu verkennen. Jene
tonnenartigen oder stupiden Gestalten im
geistlichen Gewand, welche jeden abstoßen
mußten lind trotzdenl oder eben deßhnlb
das Gaudium so vieler Zuschauer erregten,
sie sind diesmal fern geblieben. Zwar
schreitet der Kardinal (625s tut „Vor-
zimmer des Ministers" mit souveräner
Verachtung durch die Reihen der devot
sich beugenden Schranzen, und der Pfarrer,
der beit beiden jugendlichen „Dorfhexen"
ins Gewissen redet (911 a), hat eine etwas
lang und dick geratene Nase, aber das
eine wie das andere kann ja Vorkommen
und soll schon dagewesen sein. Dagegen
kann man an dem aquarellmalenden
Mönch „an der Arbeit" (Nr. 254) von
Flesch-Brunningen oder an bem in die
Sternenwelt sich vertiefenden Klosterbruder
(Schlitt, „Astronom" 909) oder an den
Nonnen im Gebet von Popert (1355)
oder bei der Betrachtung von Tarenghi
(1442) sowohl was die sachliche als die
künstlerische Behandlung betrifft, seine
Freude haben. Der Einsiedler, den eine
nackte Frauensperson zum Objekt ihrer
Verführnngskünste gewählt hat (964) —
einige Kleidungsstücke möchte man ihr
allerdings wünschen — ist ein ergreifen-
des Bild heldenmüthigen Ringens mit der
Verlockung. Auch gegen Heinrich Lessings
„aus der Reformationszeit" (599) läßt
sich nicht viel einwenden. Es mag dann
und wann vorgekommen sein, daß ein
eifriger Ordensmann einem von Reform-
ideen angehauchten Weltkind mit seinem
ganzen Wissen zu Leibe rückte, während
ein Ordensbruder von weniger unzweifel- !
haftem Berns abseits saß, bei einem Krug
Klosterbräu die trüben Zeitläufe zu ver- 1
gessen suchte und dabei ein Gesicht machte,
als wollte er zum Hohn auf allen ge-
lahrten Disput anticipando das Liedchen
singen: „Der eine heißt den andern

dumm, am End weiß keiner nix." Und
wenn Stelzinger in seinem „Klosterleben" j
darstellt, wie einem Jünger des hl. Lukas j
in der Klosterzelle ein Ordensbruder mit j

einem Kind auf dem Schooß Modell sitzen
muß zu einer thronenden Madonna, so
beweist ein Blick aus das eine oder andere
in der Klosterzelle gemalte Bild heiliger
Frauen, daß das Sujet nicht ans der
Lust gegriffen ist. Doch zurtick vom Genre
zur christlichen Kunst im eigentlichen und
engeren Sinn des Wortes.

Sie zerlegt sich von selber in zwei
Gruppen, je nachdem sie mehr Fühlung
hat mit den Modernen oder den
Alten. Zu der modernisirenden Gruppe
rechnen wir vor allem Kirchbach's großes
Altarbild für die Kirche von Nenhaus
(492 a): Christus am Kreuz. Das Milien
ist modern, die Composttion aber ohne die
Extravaganzen, die jener Begriff oft in
sich schließt. Christus ist bereits ver-
schieden. Bis zu den Hüften umfließt ihn
verklärendes Licht; von da an umschließt
ihn und die ganze Umgebung, auch die
Gruppe zu seinen Füßen, trübes Dunkel.
Maria und Johannes reichen sich in stum-
mem Schmerz die Hände, Johannes kann
das Schreckliche noch nicht recht glauben;
die Muttergottes dagegen ist sich klar
geworden darüber und trägt ihr Leid in
stiller Ergebenheit.

Hieran mag sich Barison's Christus
reihen (29): das Brustbild eines Crnei-
sixus; das Ganze durchwühlt von rasenden
Schmerzen, in dem wehntüthig zum Himmel
gerichteten Blick eine stille Thräne, auf
den Lippen die Klage: mein Gott, warum
hast Du mich verlassen? Ein tief em-
pfundenes, ergreifendes Bild, realistisch,
aber nicht derb.

Etwas anmnthiger ist Eichstädl's „Em-
mans". Christus hat eben das Brot ge-
brochen und löst sich in lichten Dust ans;
der eine der Jünger hat sich staunend er-
hoben, der andere ist auf's Knie gesunken.
Staunen, Ueberraschung, Zweifel ringen
miteinander in Mienen und Gebärden.
Die blühenden Blumen künden eine
wonnige Zeit und die lieblich nntergehende
Sonne einen schönen kommenden Tag —
ein treffendes Bild aus den Frühlings-
tagen der jungen Kirche.

Auch Döpler's hl. Georg (179) hat
seine Vorzüge. Doch thäte es denselben
keinen Eintrag, wenn die befreite Königs-
tochter sich etwas von ihrer Garderobe
nmgelegt hätte. Es steht doch nicht in
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