Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

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der Legende, der Drache habe ihr die
Kleider vom Leibe gefressen. Am selben
Fehler leidet Bredt's „Eva und Maria"
(99). Es ist ja nicht das erstemal, daß
Eva in snpralapsarischer Nacktheit dar-
gestellt wird, aber eine Dirne muß sie
deshalb noch nicht sein und wenn sie als
solche neben einer durchaus würdig ge-
faßten Muttergottes steht, so ist die
Wirkung doppelt widerlich.

Mar Ehrler gibt in seiner „Madonna"
mit beni Kinde (664) eine anmuthige
Familienscene voll Glück und Freude, aber
mehr allerdings nicht. Sein Gloria in
excelsisDeo (663) — singende Engel--geht
an. Auch Sala's mater amoro5a (877)
schildert lediglich das Mutterglück Mariens.
Exter's „Weihnachten" (232) — in ein
modernes Gebirgsdors verlegt — und
Spiegels „heilige Fannlie" (1424) —
eine Musikantentruppe int Biedermanns-
kostüm bringt der heiligen Familie über
den Gartenzaun hinüber ein Ständchen —
sind verunglückt. Auch Schiestl's „ver-
loriner Sohn" (896) widert einen an, ob-
gleich die Landschaft, in der er sitzt, au
Hans Thoma mahnt und ihm selber ein
tüchtiger Moralischer nicht abzusprechen ist.
Mehr befriedigen die „Madonna" 1897)
und St. Wendelin (898) vom selben
Künstler. Dagegen gehört zu einem
heiligen Isidor (1402) doch noch mehr,
als ein blaues Fuhrmannshemd, eine
Peitsche und eine Kuh am Strick. Hätte
der Maler den Heiligenschein weggelassen,
seinem Sujet noch eine Tabakspfeife in
den Mund und dem ganzen den Titel ge-
geben: „Bauer von derUlrner Alb am Markt-
tage", so wäre es ein vorzügliches Bild.

An Cranach erinnert Sasfer's „Apostel"
(876n Tüchtige Arbeiten sind Stürtfts
Ahasver (1005) und Lautenschlageris
„Glaube" (580). Auch Laupheimer's
Maria geht noch an (574), wenngleich sie
vom gewöhnlichen Typus abweicht. Sinkeis
„Ave Maria" (961 c) leidet unter der
Aehnlichkeit mit Murillo. Beyschlag's
„Rast auf der Flucht nach Aegypten"
(59) ist ein anmuthiges Bild, nur ist die
Felswand im Rückwand etwas steifleinen.
Jochmu's heilige Familie mit Engeln (450)
geht an. Cairati's Lpes no8tra (118 c)
ist eilt duftiges, sorgfältig ausgeführtes
Bild, aber wenn es Maria darstellen soll,

etwas zu süßlich. Mehr Kraft besitzt
Schleibner's„Charsamstag" (1403). Maria
en profil trägt in stillem Schmerze die
Dornenkrone vorüber, Ausblick aus Gol-
gatha. Kolmsperger's Entwürfe zu Decken-
geinälden sind zu skizzenhaft gehalten, um
definitiv benrtheilt werden zu können, aber
auch so innß anerkannt werden, daß sie
würdige Figuren bieten und die schwierigen
perspektivischen Probleme glücklich lösen;
ebenso L. Thoma's.Kartons (1443 und
1444). Herterich's „Erlöser" (386) gibt
in tüchtiger Ausführung eine etwas un-
gewöhnliche Composition. Told's Cäcilia
(1026) ist eine anmuthige Illustration zu
einer Scene aus Wiseman's Fabiola. Sain-
berger's Paulus (882 a) ist skizzenhaft be-
handelt, entspricht aber mit seiner Energie
und Wucht dem Selbstporträt des Welt-
apostels in seinen Briefen.

Haben uns schon Sinkel und Thoma
auf die Art vergangener Jahrhunderte
zurückgewiesen, so haben wir in den nun-
mehr zu behandelnden Künstlern aus-
geprägte Jünger einer Knnstübung früherer
Zeiten. Sie sind zwar in der prosaischen
Nähe des sehr modern eingerichteten
Glaspalastrestanrants untergebracht, aber
trotzdem fühlt man sich bei ihrem Anblick
sofort in vergangene Zeiten versetzt.

Gabriel Hackl hat seinen Altar für die
Panlskirche ausgestellt. Man darf dem
Gotteshaus zu diesem herrlichen Schmuck
gratuliren. Es ist ein Triptychon °. Mariä
Verkündigung und Heintsuchnng und die
heiligen drei Könige, alles in der Art der
Kölner Schttle, das Kolorit kräftig und
feierlich, die Komposition harmonisch.

Etwas individueller gehalten sind Feuer-
stein's Werke. Aber trotzdem mahnen sie
an die stille, weihevolle Anmuth gothischer
Knnstdenkmäler. Bei seiner Verkündigung
treten Maria wie der Engel aus der ob-
jektiven Ruhe mittelalterlicher Andachts-
bilder heraus. Im Auge Mariens liegt
das Bangen wegen ihres Keuschheits-
gelübdes und im Gesichtsausdruck des
Engels der beruhigende Hinweis auf den
heiligen Geist; und doch stimmt das Bild
zur Andacht. Ein Andachts- und Familien-
bild im besten Sinne des Wortes ist die
heilige Familie Feuersteines: eine Scene
voll Anmnth und doch nichts Süßliches
und Profanes.
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