Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

Seite: 89
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behaglich übereinander geschlagenen Beinen
und dem nrgemüthlichen Gesichtsansdrlick
ist eine Schwester der Nixenweiber, und
das großäugige, halb verwundert und
halb ängstlich aus den: Bild heraus-
schaueude Kind auf ihren Armen ist von:
selben Fleisch und Blut wie die — sit
venia verbo — jungen Wasserteilfelchen,
mit denen Böckliu's Genius die Fluthen
belebt. Der Glanz der Technik, der
Böcklin's Werken eigen ist, soll deni Bild
nicht abgesprochen werden.

Die heiligen drei Könige von Ferd. Götz
sind skizzenhaft gehalten und entbehreil
der Weihe, mit beiten sie das christliche
Gefühl und die christliche Kunst früherer
Jahrhunderte umgebell hat. Wären die
Gewänder nicht zu prächtig, so föintte
man meinen, es handle sich um Beduinen,
welche den Feilld beschleichen.

Breal-Paris hat eineil heiligeil Frailz
von Assisi, den Vögeln predigend, aus-
gestellt. Mag seine Predigt immerhin
anziehend gewesen fein, sein Bild — ein
hagerer Eremit niit eiitsetzlich laitger
Nase, die Haare in Strähnen über die
Schultern herabhängend, — ist zum
Davonlaufen.

Ansprechender ist eine heilige Familie
von Haider. Es ist fein Kirchenbild, aber
die Gestalten silid welügstens durchaus
würdig und ein anheilnelnder Zug ist bem
Ganzen eigell.

Ebenso würdig in der Auffassung wie
annllithig in der Darstellung präsentirt sich
„das Bild des Herrn" von Höcker: zwei
Engel beten das Antlitz Christi ans bem
Schweißtuch der Veronika all. Dagegell
steht Weidlich's Madonna auf der gleichen
Höhe mit den secessionistischen Danlen-
porträts.

Slevogt's verlorener Sohli briligt die
entscheidendell Moiilente der Parabel in
drastischer Weise zur Darstellllng, aber die
Weihe ist verloren gegangen.

Fritz voll Uhde hat fein religiöses Bild
ausgestellt, sondern verstattetill seiner,, Rnhe-
pause im Atelier" einen Einblick in das Ge-
baren seiner Modelle in der Freizeit, und
lnerkwürdig: die Bubell mit den auf-
gebundenen Gänseflügeln führell sich hier
beinahe anstälidiger auf, als auf den
religiösell Bildern als Engel.

An Werken der Plastik koulmen nur

einige wellige iil Betracht. Widerlich
wirkt eill blöd ins Weite starrender
Bischof. Alinehinbare Arbeiten sind etit
Flachrelief: Christi Leichnam, auf einem
Sarkophag ausgestreckt; Maria, am Bodell
kauernd, hält feine Hand, — und ein
Christus, das obere Elide des Gewandes
zurückschlagend unb feine Seitellwunde
Zeigend.

Als GesaNlmtllrtheilauch über die religiöse
Kunst bei beit Secefsionisten faiut das
gelten, was mit Schluß der Besprechung
der Glaspalastallsstellllng gilt. Ueber die
sonstigen Leistungen der Secession wäre
manches zil sagen, aber ich fürchte, ich
könnte zuviel sagen.

Dagegen kann man es nur freudig be-
grüßen, daß die christliche Kunst sich eill
Herz gefaßt und kühn neben ihrer welt-
lichen Schwester zur Schau gestellt hat,
schon deshalb, damit mall kollstatiren
kann, daß sie überhaupt lloch besteht, da-
mit diejenigeil, die ihre Kirchen mit billiger
Dutzendwanre schmücken oder schnlücken
müssen, sich wenigstens damit trösten
können, daß noch irgendwo in der Welt
etwas eristirt, was an die klassischen
Werke christlicher Kunst erinnert, und da-
nlit die Künstler selber ermuntert werden
und sich sagen dürfen, daß sie nicht allein
unb einsam sind und lediglich nm der
Arbeit selber willen arbeiten nlüssen. So
Gott will, auf Wiedersehen im nächsten
Jahre.

Gebbard Aatz.

Zu seinem 100. Geburtstag.

Von Pfr. Detzel.

(Fortsetzung.)

Eill farbiges, in Grau ausgeführtes
Exemplar befand sich noch im Atelier des
Verewigten, voll welchem sich derselbe nicht
mehr tremlen wollte, obwohl er es in
Rom nlld Bregenz nm hohe Preise hätte
verkaufen binnen. „Jeder Besucher des-
selben wird voll denl Zauber gefesselt, der
aus diesem Stilllebeil spricht. Die An-
ulnth der Mutter, welche in knieender
5paltllllg unb mit gefalteten Händen znnl
Kinde niederschaut, vereinigt sich mit dem
geheinlnisvosten verlangendeil Ausblick des
Kindes. Auf einer weißen Windel, die
ans einem Strohbündel hingebreitet ist.
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