Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

Seite: 95
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durch eine Bibliothek mit illustrirteu I
Werken."

3u dem nächsten Antrag umrden von
dem Vorsitzenden wohlbegründete Bedenken
geltend gencacht; bei aller Anerkennung
der Wichtigkeit unlrde ans die große Ge-
fahr hingewiesen, welche Aufsätze von un-
berufener Seite bringen würden; gar
leicht würde unberechtigter Reklame Thür
und Thor geöffnet.

In der That richtet eine gewisse Presse
erfahrungsgemäß die Verzeichnisse em-
pfehlenswerther Adressen weniger imd)
sachlicher Kenntnißnahme als vielmehr
nach beni Maaßstab der anfgege&enen
Annoncen.

Lebhaften und allseitigen Anklang fand
folgender Antrag des Herrn Religions-
lehrer Prill-Essen:

Zeitschrift f ü r ch r i st l i ch e K u n st.
Die 47. Generalversammlung empfiehlt
die Zeitschrift für christliche Kunst, welche
den wiederholten Anregungen von Seiten
der Katholikenversammlungen ihre Ent-
stehung in: Jahre 1888 verdankt, also
bereits in der Mitte ihres 13. Jahr-
ganges steht. Die ernste, wissenschaftliche
Art, in welcher sie die Erzeugnisse der
christlichen Kunst aus den verschiedenen
Jahrhunderten und Ländern behandelt,
sowie der anregende, leitende und ver-
edelnde Einfluß, den sie auf Neuschchpf-
ungen ausnbt, haben ihr in allen Kreisen
hohe Werthschätzung erworben. Ilm diese
wichtige Stellung behaupten zu tönnen,
bedarf die christliche Zeitschrift unbedingt
eines Zuwachses an Abnehmern. (Der
Jahrgang 10 Mark.)

In warmen, überzeugenden Worten trat
der Antragsteller für die bewährte Zeit-
schrift ein; unterstützt wurde er von Herrn
Banrath Guldenpfennig. Verschiedentlich
auswärts erhobene Einwände, die Zeit-
schrift fei zu hoch gehalten, wurden ebenso
entschieden wie fachlich widerlegt, ihre
Vorzüge unter der vortrefflichen Leitung
allseitig und dankbar anerkannt.

Der Verlauf der Sitzung war von so
anhaltendem Interesse, daß der Vorschlag
des Vorsitzenden, am nächsten Tag eine
zweite Zusammenkmfft abzuhalten, be-
geisterte Ausnahme fand.

Gleich lebhaft entwickelten sich die Ver-
handlungen des zweiten Tages. Auf An-

regung des Vorsitzenden, des Herrn Dom-
kapitnlar Schnütgen, verbreitete sich Herr
Baurath Gnldenpfennig in lichtvollen Be-
trachtungen über die Eigenheiten des
romanischen und gothischen Stiles, inbern
er gleichzeitig in Anknüpfung an die bau-
liche Entwickelung einzelner alter Dome
sowohl für Neubauten als and) für Wieder-
herstellungsarbeiten ausgezeichnete Nath-
schläge mittheilte. Eine Abschweifung auf
das Gebiet „Restauration" bot dem Vor-
sitzenden willkommene Gelegenheit, an
dieses Wort weitere Auseinandersetzungen
anzuknüpfen und nun abwechselnd mit
Herrn Baurath Gnldenpfennig höchst
wichtige Gesichtspunkte zu beleuchten. In
spannender Weise wurden durch Rede und
Gegenrede die beiderseitigen Ansichten,
welche übrigens im Großen und Ganzen
übereinstimmten, zum Ausdruck gebracht
und wechselseitig ergänzt.

Herr Domkapitular Schnütgen vertrat
mit seiner bekannten Sicherheit, die eben
nur die innigste Vertrautheit mit der
ganzen christlichen Kunst verleiht, die Noth-
wendigkeit mehrerer bedeutungsvoller
Grundsätze. Mit Recht verlangte er die
bedingungslose Erhaltung aller guten
Denkmäler, gleichviel welcher Stilart sie
angehören, also auch der nachnnttelalter-
lichen Arbeiten der Renaissance, des
Barock nitb des Rokoko. An drastischen
Beispielen schilderte er warnend die ver-
derblichen Folgen eines unverstandenen
Purismus. Barock und Zopf hätten be-
sonders für Innendekoration viel Geschmack
entwickelt, und nranche gothische Kirche
würde 511 öde erscheinen, wenn nicht die
spätere Gemeinde dieselbe in ihrer Art
ausgefchmückt hätte. Man möge deßhalb
eine gute Ausstattung unberührt lassen,
auch wenn sie nicht znm Stile passe.
Manchmal verdienten gerade jene Kirchen,
welche mehrere mindere Arbeiten aufwiesen,
den Vorzug vor anderen, bei welchen man
unter dem Vorwand der Stilgerechtigkeit
schlechte Sachen an die Stelle künstlerischer
Alterthümer setzte. Alte Sachen ver-
schiedener Stilarten dagegen vertrügen sich
stets gut zusanrmen.

In gewandter, angenehmer Form
pflichtete Baurath Gnldenpfennig den
Worten des Vorredners bei, dieselben noch
durch zahlreiche Einzelheiten ergänzend.
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