Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 18.1900

Seite: 97
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Geistlichkeit dringend wünschenswerth sei.
Denn nur künstlerischer Geschmack und ein
gewisses Maaß von Verständniß bieteil
wirksamen Schutz vor der Ausbeiltung
seitens s o genannte r Kunstanstalten und
— Künstler. Letzterer, der s o g e n a n n t e n
Künstler, ist nicht gedacht worden. Wer
stellt dell Begriff seit, welcher berufene
Richter? Vielfach ist er begründet auf
Selbsteinschätzung oder auf dem Urtheil
mehr wohlwollender als sachkundiger
Gönner. Unlnöglich kann jeder Pfarrer
ein kunstverständiger Kenner werden, aber
soviel sollte er 31t lernen streben, daß er
nicht geradezu gewissenlosen Stümpern
hülslos in die Hände fällt, znnl Schaden
wirklicher christlicher Knifft, zunr Schaden
seiner Pfarrkirche, zunr Schaden für den
guten Geschmack.

Die von dern Ausschuß für christliche
Krulst vorbereiteterr Resolutionen wurden
von Herrn Reichsgerichtsrath Spahn der
Generalversanrmlnng unterbreitet uub nach
kurzer Befürwortung seitens des Abgeord-
neteu Freiherrn von Heeremann ange-
nonuuen. Mögen sie gute Früchte tragen!

Gebhard Aah.

Zu seinem 100. Geburtstag.

Von Pfr. Detzel.

(Schluß.)

Flatz faßte in seinem „ A n g e 1 i c o
da Fiesoie“ den Dominikaner-
mönch und Künstler Fra Fiesole, welchen
er mit Vorliebe studierte uub in Folge
dessen sich mit Recht für ihn begeisterte,
als das ans, was er war, nämlich als
dell eminent religiösen nub christlichen
Künstler, in dem sich Religion und Kunst
aufs innigste verbunden uub umfaßt hatten,
dessen Leben nur ein steter Wechsel oder
vielvlehr eine stete Verbindmig voll Knnst-
üblliig und Gebet war. Der junge Künstler,
im Habit seines Ordens und denr Farben-
püisel ill der Hand, klliet zur Erde, inalt,
beim als Gebet und Gottesdienst übte er
ja, wie die Geschichte vleldet, feilte Kunst
aus. Er ist ganz hingenommen von dem
Gegenstände, dessen Züge er eben entwirft.
Der Ausdruck in seinem Gesichte, die ideale
Bildilng des Kopfes und der ganzen Ge-
stalt ist so gediegen, daß die tiefe Jnnig-
keit derselben ans jedes unbefangene Ge-

nlüth einen bleibenden Eindruck macht.
In der Höhe durch den Fensterbogen eines
Klosterganges erscheint dem frommen Künst-
ler auf Wolken die Madonna mit dem
Kinde. Fiesole malte stets, wie die Ge-
schichte weiter von ihm berichtet, unter
beut Beistände und der Mitwirkilng des
Himmels, woran er fest glaubte uub um
die er stets betete. Diesen Gedanken des
himmlischen Beistaildes darzustellen uub
uns zu veranschaulichen, ist von Flatz der
hl. Evangelist und Maler Lukas sehr pas-
send gewählt worden. Der hl. Evangelist,
mit dem Ausdrucke und der Geberde des
ruhigen, verständigen Beschauers, steht
neben ihm, wie der Meister an der Seite
des Schülers steht, und sieht liebevoll und
aufmerksam 311111 Bilde und Maler her-
nieder. Zwei Engel stehen auf der andern
Seite des Malers, von denen der eine
eben Farben reibt, der andere dem malen-
den Künstler mit der linken Hand den
Farbentopf hinhält und mit der rechten
die Leinwand, auf welcher schon die Züge
der Gottesmutter entworfen sind, stützt.
Fiesole trug, wie Vasari berichtet, sowohl
wegen seines himmlischen Gemüthes, als
auch wegen der Virtuosität, ivomit er
seine Engel und Heiligen malte, den Bei-
namen Angelico, der Englische. Deshalb
sind es die Engel, welche hier an seiner
Kunst ebenfalls theilnehmend Mitwirken.
Wie sinnig und schön auch dieser Zug er-
funden ist, leuchtet ein. So diente alles
der Darstellung dieses einen Gedankens,
wie Religion und Kunst aufs innigste ver-
bunden sein können und in Fiesole ver-
bunden waren. Es war ein würdiger
Träger und Ausdruck des hohen Gedankens
von einer solchen Verbindung, und Flatz
hat denselben in seiner zartgefühlten, poe-
tischen Komposition auf angemessene, wür-
dige Weise zur Anschauung gebracht. Im
Hintergründe ist die Stadt Florenz zu
sehen. Die Zeichnung ist strenge, die Farbe
bestimmt und kräftig, die technische Durch-
führung auf das forgfältigste vollendet und
dem ruhigen, contemplativen Charakter des
Objektes angemessen, so daß jeder Be-
schauer des Bildes, der es der Mühe werth
findet, durch einen liefern Blick in die
Idee desselben einzndringen, sich ange-
sprochen fühlen muß. Das Bild kam im
November 1860 nach Innsbruck, wo es
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