Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 19.1901

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und Sebastiansbruderschaft); an vierter
oder letzter Stelle stehen die Wappen der
weltlichen Patrone. Eine solche Regel-
mäßigkeit legt von selbst den Gedanken
nahe, ob nicht anderwärts Aehnliches be-
obachtet iverden könne, und eine Umschau
in dem schon genannten Buch will diese
Frage vielfach in bejahenden: Sinne
beantworten, namentlich im Hinblick aus
die zwei ersten figürlichen Darstellungen.
Beispiele hiefür könnten mir in alpha-
betischer Ordnung aus ganz Württemberg
anführen, angefangen von den: Oberamt
Balingen (G eis l i n gen: Madonna,Ulrich)
bis hinab zu den Oberämtern Tübingen
(X ü b in gerSpitalkirche: Rladonna,Jakob,
Urban, Wappen) und Urach (Gruorn:
Acadonna, Stephanus, ein Heiliger nüt
Palme und Schwert). Mithin dürfen wir
den Satz anfstellen, daß beim Vorhandeu-
fein mehrerer Schlußsteine in: Chor einer
Kirche die bildlichen Darstellungen auf
denselben gerne so geordnet sind, daß uns
an erster Stelle Maria, an zweiter der
Kircheupatron entgegentritt. Daraus geht
nun aber hervor, daß die Schlußsteine
für Kirchenpatronatsfragen eine hervor-
ragende Bedeutung haben, insofern sie
uns vielfach Anhaltspunkte zur Ermitt-
lung von bis jetzt unbekannten Kirchen-
heiligen geben. Wir möchten die Sache
gleich praktisch anfassen mib gestützt auf
die figürlichen Darstellungen der Schluß-
steine die Veruluthnng nussprechen, daß
beispielsweise geweiht war: die Kirche zu
Erzingen, OA. Balingen, dem hl. Georg
(Schlußsteine: Madonna und Georg); die
Kirche zu Hessigheim, OA. Besigheim, dem
hl. Vitus (Madonna und Vitus); die
Kirche zu Dornstetten, OA. Freudenstadt,
dein hl. Martiuus (Madonna mtb Mar-
tinas) ; die Kirche zu Heutingsheim, OA.
Ludwigsburg, den: hl. Matthäus (Ma-
donna, Matthäus, Simon); die Kirche zu
Neckargröningen, OA. Ludwigsburg, dem
hl. Martiuus (Madonna, Martin, Wap-
pen) ; die Kirche 51t Bieselsberg, OA.
Neuenbürg, dem hl. Petrus (Madonna
und Petrus); die Kirche zu Grilorn bent
hl. Stephanus. Wenn Maria immer an
erster Stelle erscheint (ich setze voraus,
daß die in den kirchlichen Kuustalterthümern
enthaltenen Angaben über die Aufeinander-
folge der Heiligen nicht immer ganz genau

’ sind —), so finden wir das durchaus an-
gemessen, da ja Maria als die Mutter
mit dem Himmelskinde und als Himmels-
königin über allen Heiligeil steht.

Aber das ist eine andere Frage, ivaruul
Maria überhaupt an solcher Stelle in
Kirchen figürlich dargestellt wird, von
welchen mir wissen, daß sie nicht Maria
zur Kirchenpatronin haben. Suchen wir
das iinserenl Verständnisse näher zu
bringen. Nach de»l Chronicon Sindel-
fingense wurde im Jahre 1083 die dor-
tige Kirche geweiht 311 Ehren s. indivi-
duae trinitatis, des hl. Kreuzes, der hl.
Maria, aller Heiligen lind praecipue des
hl. Älartm l „D.-A." Jahrg. 1899, S. 185).
In beit »Annales Murbacenses« — ver-
öffentlicht von Jngold — wird berichtet,
daß im Jahre 1 dl(5 Bischof Heinrich von
Basel die Klosterkirche von Murbach ge-
iveiht habe »iv Irovore sancte et indi-
vidue trinitatis, et sancte crucis sanc-
teque Marie perpetue virginis et sancti
Leodegarii martiris«. Wie ilt diesen
zwei Fällen, so ivird auch in vielen andern
mir bekannten Urkunden und Stiftumpö-
briefen bei Angaben darüber, 31t wessen
Ehre die Stiftung gemacht oder das Hei-
ligthum geweiht wurde, die Jungfrau ititb
Gottesmutter ÜNaria genannt, so daß sie
gleichsam als Mitpatronin betrachtet wer-
den kann und allein nach auch vielfach
betrachtet word.eil ist. Wenil in einer
päpstlichen Bulle vom 28. Februar 1127
(Württ. Geschichtsquellen von Schäfer,
Bd. 2 S. 197) von einer Kapelle der
hl. Maria zu Hürbelsbach die Rede ist,
so kann damit mir die Laurentius-Kapelle
zu Hürbelsbach bei Donzdorf gemeint sein.
Ebenso ist uilter der in der Bulle vorn
27. Mai 1187 (Schäfer l. e. S. 510)
genannten Collegiatkirche S. Maria zu
Trobingen - Tübingen die Collegiatkirche
S. Georg zu verstehen. Es ivnrden eben
der päpstlichen Eilrie alle die verschiedenen
Nameil und tituli der betreffenden Kirchen
vorgelegt, und so mochte cs leicht kom-
men, daß bei Ausfertigung der gewünschten
Bulle oft der Name Maria's gewählt
wurde, statt des Namens von dem
Heiligen, welcher praeeipne als Patron
zu betrachten und zu verehren war. —
Kommen wir nun zu unseren Schluß-
steinen zurück, so sind wir auf Grund
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