Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 19.1901

Seite: 42
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Decken aus Holz mit reicheil in Gold
und Farben geschmückten Kassetten. Den
dritten lind vorzüglichsten Dheil der Ba-
silika bildete die Apsis, der halbkreis-
fürmige, später auch polygonale Ansbail
(Exedra), den mir als einen wesentlichen
Vestandtheil der christlichen Basilika 31t
betrachten haben und der nach seiner Ge-
stalt ailch Concha (xoyxv, Muschel) heißt.
Zwischen dem Langhaus und der Apsis
ward ost ein Qnerschiff (Transept) eiin
geschoben, welches bald in der Breite des
Langhauses angelegt war, bald über dieses
hinansreichte, so daß der Grundriß die
Form eines Kreuzes bildete.

Neben diesen Bauten mit ihrer scharf
ausgesprochenen Lnngenrichtnng kannte
das christliche Alterthnm auch den Zentral-
bau: „ein achteckiger oder runder (später
besonders viereckiger) hoher, von einer
Kuppel überdeckter, ans einem Sänlen-
kreis oder ans Pfeilern ruhender Mittel-
ban ist von einem konzentrischen, niedrige-
rem Umgänge gestützt und umgeben".')
Schon im klassischen Zeitalter, zumal bei
den Römern, wurde dieser Ban besonders i
für Grabmäler angeivendet und die alt- !
christlichen Architekten ahmten diese Ban- j
weise nach, hauptsächlich für Tauf- und j
Grabkirchen. Doch beschränkte sich dieser '
Gebrauch des Zentralbaues keineswegs j
ausschließlich ans diese mehr untergeord-
neten Gebäude der Baptisterien und
Mausoleen, sondern findet auch, freilich
mehr vereinzelt und ausnahmsweise, ans
größere, für den Gemeindegottesdienst,
bestimmte Kirchenanlagen Anwendung. !
Das einfachste Motiv in dieser Hinsicht I
zeigt S. Stefano Rotnndo ans dem Colins !
zu Rom, von Papst Simplicins (468 bis
483 j geweiht; auch die Kirche S. Lorenzo ^
Aiaggiore in Atailand gehört hieher. ^
Das weitaus wichtigste Gebäude dieser
Gattung ist aber das berühmte Achteck
S. Vitale in Ravenna, ein Werk
des Jnlianns Argentarins und des Bischofs
Eccleiins (524—536), dessen Formen-
behandlung, die Kapitelle und Kämpfer
mit ihren Zierformen, unverkennbar an
byzantinische Eigenthümlichkeiten erinnern, :
weshalb S. Vitale auch den byzantinischen
Denkmalen beigezählt wird.

') Otte, Kunst-Archäologie. 5. Ausl. I'. 15.

Zn diesen Denkmalen byzantinischer
Kunst ist nun eine Verbindung des
Zentral b a n e s milde m Basiliken-
ban in Kreuz es form angchtrebt und
dadurch auch für erstere eine reichere
Entwicklung und Anwendung ans größere
Pfarrkirchen gegeben. Gerade solche Ver-
suche in komplizirten Formen des Zentral-
baues waren es, die Karl der Große für
seinen ersten bedeutenden Kirchenban in
Deutschland zum Vorbilde wählte — für
das Aiünster zu Aachen, das zwar
mit manchen Veränderungen, aber doch
vollständig erhalten ist. Aehnlich wie
S. Vitale in Ravenna besteht es ans
einem inneren, überknppelten Oktagon,
um das sich ein zweistöckiger Umgang im
Sechzehneck anlehnt. Acht starke Pfeiler
mit Kämpfergesims tragen ans Vogen den
Mittelkörper; die Kuppel zeigt das soge-
nannte Klostergewölbe; nüchterne und
klare Disposition ist dem Werke eigen.
Dem Aachener Muster gleichen mehr oder
weniger die Zentralanlagen der Schloß-
kapelle in Rymmegen, der Nonnenchor
im Münster zu Essen, die Klosterkirche zu
Ottmarsheim (Elsaß), St. Maria zum
Kapitol in Köln, und die jetzt zerstörte
Klosterkirche Georgenberg bei Goslar,
lauter Bauten ans dem elften und zwölf-
ten Jahrhundert. Außer dem Münster
zu Aachen haben sich in Deutschland nur
wenige Bauwerke erhalten, die mit völliger
Bestimmtheit noch der karolingischen Pe-
riode zngeschrieben werden können. Um
so interessanter ist es, ein weiteres Bau-
werk der deutschen Kunstgeschichte einver-
leiben zu können, das sicher dieser Zeit
angehört und einen früh romanischen
Z e n t r a l b a n mit z iv e i w e st l i ch e n
Thürmen und mit drei östlichen
Apsiden zeigt.

Seit dem Frühjahre 1896 läßt die
Großherzoglich hessische Baubehörde in der
srühgothischen Ritterstiftskirche zu
Wimpfen im Thal Restanrations-
nrbeiten vornehmen, deren unmittelbare
Leitung in den Händen des Regiernngs-
banmeisters Ed. Wagner lag. Rach
Beginn dieser Arbeiten lenkte Prälat und
Domkapitular Dr. Schneider in Mainz
die Aufmerksamkeit der Baubehörde ans
die westlich von der Stiftskirche über der
Erde sichtbaren, anscheinend romanischen
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