Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 19.1901

Seite: 45
DOI Heft: 10.11588/diglit.15906.31
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15906.33
DOI Seite: 10.11588/diglit.15906#0053
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1901/0053
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
Christus, „der große Hohepriester", kam
vou Osten auf die Erde, von wo er auch bei
der heiligen W andl n n g hernieder-
steigt. Daher muß auch der Priester bei der
heiligen Messe nach Osten sich im Gebete
wenden und das Allerheiligste stets im
östlichen Chore aufbewahrt werden; denn
„das Hans unserer Taubes ist einfach,
immer auf erhabenem, offenem und gegen
das Licht gerichteten Ort; es liebt die
Figur des heiligen Geistes ben Osten, das
Sinnbild Christi," weshalb die apostoli-
schen Konstitutionen? die Vorschrift geben,
daß in beut Ostchore Pastophorien sein
sollten, Anfbewahrungsrätlme, in welche
am Schlüsse der Opferfeier das vom Kon-
sekrierten Uebriggebliebene durch Diakone
gebracht werden sollte?)

Jesus Christtls that uns das verloretie
'Paradies wieder auf, und wird denen,
welche in diesen!, seiner Kirche?) vereinigt
sind, bei seiner zweiten Ankunft als König
der Ewigkeit, als Richter der Lebendigen
und Taten erscheinen „wie der Blitz,
welcher vom Aufgange ansgeht und bis
zum Riedergange leuchtet"?)

Im christlichen Alterthnnt spiegelt sich
in dein Gesetze der Ostung die Tiefe
christlicher Denkart mit ihrer mannigfachen
Gedankenfülle wieder, welche der Central-
sonne des Weltalls, Jesus Christus, in
dreifachen Strahlen entströmt: Christus ist
H o h e r p r i e st e r, welcher durch sein Selbst-
opfer die Finsterniß mit seinen Gnaden-
strahlen erleuchtet; er ist Lehrer, dessen
Worte Mahnung und Aufmunterung geben:
bald zeigt er ans das verlorene Paradies,
bald aus das zu gewinnende; er ist K ö n ig,
der selbst in unzugänglichen! Lichte woh-
nend seine Herrschaft ansübt ohn' llnter-
laß, besonders aber an! Gerichtstage.

\) Tertull. adv. Valent, c. 3, Tom. II,
P 384, ed. F. Oehler Lips. 1854. Das Hatts
des int hl. Sakrament in einem einer Taube
ähnlichen Gefäße aufbewahrten Christus.

') Apost. const. II, 57. ed. Lagarde p. 84.

3) Apost. const. VIII, 13 p. 260.

? Augustin, c. Julian. V, 6 n. 4 (P. L. XLV,
200) de civil, dei 1. XIII c. 21 'ed. B. Dom-
bart in Biblioth. script. Graec. et rom. Teubner.
Lips. 1877. Vol. 1. p. 585); de Genesi ad
litter. XI. c. 25 (P. L. XXXIV, 4421; c. 40
(451); 28 (478); 34 (482).

J) Matth. 24, 7. Joh. Damasc. de fide
thod. IV, 12 iT, G. XC1V, 1134 B).

Alle diese Gründe erkennen auch die
mittelalterlichen Liturgiker in der Ostung;
nur lassen sie die Strahlen der Sonne
widerstrahlen in den von ihnen • ge-
troffenen Erwählten.

Während Walasried Strabo? in der
Ostung nicht viel über die Erklärnngs-
weise der alten Kirchenväter hinausgeht
und in Christus die alle Menschen und
jeden einzelnen bescheinende Sonne sieht,
öffnet sich für Durandns? in dem kirch-
lichen Gebrauche eine Quelle überreicher
Ausbeute: Die christliche Kirche schaut

nicht nach'Westen, hat also von Osten
keinen Eingang, wie dies beim saloino-
nischen Tempel der Fall war; und so
gleicht sie dem geheimnißvollen Tempel,
den Ezechiel (43, 1) im Gesichte sah,
welcher kein Thor oder nur ein verschlos-
senes im Osten hatte für den Hohenpriester
Christus, welcher den Schlüssel Davids
hat. Christus ist eiugegaugen durch das
Thor, und erleuchtet die Welt als Licht
und Sonne der Gerechtigkeit. Das ganze
Officium B. M. V., die einzelnen Tag-
und Nachtzeiten sind nach ihm eine ein-
zige Lobpreisung des sol justitiae und
des ihm vorangehenden Morgensternes?:
Die Nokturnen werden gebetet zu der Zeit,
in welcher der Stern, transmontatia ge-
nannt, erscheint, durch dessen Führung
die Schiffe in den Hasen gelangen; die
von den Wogen Getriebenen sind die
Menschen, welche durch die Hilfe der
seligsten Jungfrau das Heil gewinnen.
Zur Zeit der Prim kommt der Stern
Diana, welchem der Sol folgt; gleichwie
ans der Jungfrau Maria die Gnadensonne
hervorgegangen. In der dritten Stunde
sind wir gewohnt zu hungern, sie hat uns
gebracht das wahre Brot, welches alle
Süßigkeit in sich enthält, lind wenn es
um die sechste Stunde heiß ist und die
Sonne brennt, so müssen wir loben und
bitten, daß die Jungfrau uns Kalte erwärme
in der Liebe zu der Sonne, welche sie uns
geboren hat, während in der Ron die
Sonne gegen Westen sich neigt, um uns

? Lib de increm, et exord. quor. in observ.
eccles. rer. c. IV. ed. Knoepller. Monach. 1899,
p. 9 ff.

2) Rationale 1. I de eccl. et eins part. c. I
n. 8; 1. V. c. II n. 57.

3) L. V. c. 1. n. 8.
loading ...