Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 19.1901

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im Greifenalter 31t bescheinen. Non dieser
Sonne erleuchtet, folge') jeder bcnt Ur-
bild, das vorn Kreuze seine Strahlen
sendet über den, der sich von ihnen
treffen läßt. Die Kirche^) dagegen ist
gebaitt gegen Aufgang zur Zeit der Tag-
und Nachtgleiche, weil sie noch streiten
muß zwischen der Gewalt der Finsterniß
und beit Strahlen des Lichtes.

Von Interesse ist noch ein Dialog
zwischen einem voll der lutherischen Kirche
Neubekehrten iilid dessell Katechet über
bell Gegensatz beider Konfessionen betreffs
der Oesfnung der Kirchen?) Der N'en-
bekehrte fragt:

„Warum werden aber alle Kirchen oder
sollen anfs wenigst gegen Aufgang der
Sonne gebaut fepn?

Doktor: Weil 1. dies der vornehmste
Theil Himmels lind der Erden ist.

2. Daß wir unser Ang in allweg gegen
Gott wendell sollen, wie der weise Mann
sagt: ockorare 06 ortuin 3oIis, bamit
alle kündig würden ber> Aufgallg des
Liechts dich anzubeten.

3. Weil gegcll Aufgang Christus unser

Heilalid gestorben und gen Himlnel ge-
fahren, wie David sagt. Letzlich ist
solches voll Papst Clentente verordnet
worden." (Fortsetzung folgt.)

Schlußsteinfragen.

Voir Pfarrer Reiter in Vollmaringen.

(Schluß.)

Der Gang der Betrachtnng siihrt uns
nach Horb.

X Dort lverden im katholischell Stadt-
pfarrhause drei Schlußsteine alifbewahrt.
Zwei von deliselben stannnen ans der int
Jahre 1Ö52 abgebrochenen Johannes-
kapelle und zeigen das Antlitz Christi mit
Dornenkrone ltnb S. Johannes den Evan-
gelisten mit einem Steinmetzzeichen. Letz-
teres ist iil dein Werke von Or. Paulus:
„Die Knust- iilid AlterthnmedeHmale im
Königreich Württemberg", Band Schwarz-
waldkreis, S. 524 unter Nr. 80 ver-
zeichnet nub soll liach deil dortigen Ait-

') L. V. c. II. 11. 57.

2) L. I. c. I. n. 8.

s) Greg. Nippel: Alterthumb., Ursprung, Be-
ll eutung aller Ceremouien, Gebräuche und Ge-
wohiHeiteu. Straßburg 1723, S. 447.

gaben (S. 531) mit Sakrament Hans und
Chor in Dettingen, Oberamt Rottenbnrg
(Jahreszahl 1475), gefnnden worden sein.
Wenn beim Abbruch der genannten Kapelle
zil Horb kein Schlußstein verschleudert
worden ist, dann mürben wir auch hier
vor der Dhatsache stehen, daß der Kirchen-
patron, als welcher ohne Zweifel Johannes
der Täufer betrachtet werden muß, in den
Schlußsteinen keine Berüeksichtignng fand,
lind unter dieser Voraussetzung dürfte die
Sache ähnlich zit erklären seilt, wie in
Bildechingeil. Man begnügte sich mit den
allbereit Bildern des Heiligen, angebracht
auf beut gegen Ende des 15. Jahrhun-
derts von den Zeugweberit gestifteten
Altar, welcher im Jahre 1845 aus der
Johanneskapelle iit die Liebfrauenkapelle
versetzt worden ist, wo er jetzt noch steht.
— Was den dritten Steill betrisst, welcher
kleiner ist als die Steine der S. Johannes-
kapelle, so bringt derselbe den hl. Michael
zur Darstellung. Neben S. Michael
erblickt man ein Steininetzzeicheit (Paulus
Figltr 49), welches nachgewiesen ist in
Bebenhansen, iit seinem Pfleg Hof zu Tü-
bingen, iit Alpirsbach, Plieningen, En-
tingen und Vollntaringen.

Die Frage, woher der Michaelsstein
koinme, glauben wir richtig zu beantworten
mit der Annahme, daß er ehedent dem
Gewölbe der Horber abgebrochenen S.
Michaelskapelle die nöthige Spannung ge-
geben habe. Mit dieser Annahme sprechen
wir zugleich eine Regel ans, nämlich die:
in den Fällen, wo nur ein Stein ange-
bracht und mit dem Bilde eines Erzengels
oder Heiligen geschmückt ist, dürfen wir
in diesein Bilde beit Patron des betref-
fenden Heiligthnms erkennen. (S. Anna
in der Kapelle zu Tettnang; S. Michael
iit der Kirche zu Oberböbingen it. f. w.
Ebenso S. Johannes der Täufer in der
Johanneskapelle des Münsters 51t Straß-
bnrg.) Daß es auch Ausnahmen von
dieser Regel gebe, ivill nicht bestritten
werden.

Vom Stadtpfarrhans in Horb zur Lieb-
franenkirche daselbst, int Volksmnnd „Kap-
pel" geheißen. Or. Paulus spricht sich
über dieselbe ungefähr also ans:. „Das
Langhaus hat int Mittelschiff ein Netz-
gewölbe mit glatten Schlußsteinen, das
Seitenschiff ein Rippenkrenzgewölbe, auf
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