Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 19.1901

Seite: 49
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t Nuiist.

Organ des Rottenburger Diözesan-Vereins für christliche Rnnst.

Ueransaegeben und redigirt von Pfarrer Detzel in St. Lin istina-Ravenslmrg.

Di'vlag des Rottenbnrger Diözesan-Knnstvereins,
für denselben: der Vorstand Pfarrer Uetzel in St. Lhrislina-Navensbnrg.

Erscheint nionaNich einmal. Halbjährlich für M. l.05 durch die tvnrtieinbergischcn. M. 2.02
durch die bayerische» imd die Jieichspvstanstalten, sl. 1.27 in Oesterreich, Frcs. r$.40 in
der Schlveiz zu beziehen. Besleltnngc» tverden auch anezcnominen von allen Buch
handlunacn sotvie geczen Einsendung des Betrags direkt von der Erveditio» des „Deutschen
Bolksblaits" in Stuttgart, Urbanstraße 04, znui Preise von M. 2.05 halbjährlich.

If-Ol.

Dio christliche Ostung.

Von Theodor Sch ermann.

(Fortsetzung.)

Um die Müte des letzten Jahrhunderts
war es für die kirchliche Architektur in
Deutschland eine brennende Frage, ob
uian mit Rücksicht ans den lithurgischeu
Zweck oder nur für das kunstliebende
Publikum die Kirchen baue, d. h. ob der
jeweilige Kunstgeschmack oder die edlen
ehrwürdigen Stilarteu Berücksichtigung
verdienen in der Herstellnng der Gottes-
banser. Alit Reiehensperger war es be-
sonders I. Krenser, ivelcher die Bahnen
geschichtlicher Ueberliefernng gegenüber den
danialigelt Renernngen betreten nnd zu
vertheidigeu gesucht hat. In seiner dankenS-
werthen Schrift, welche für die damalige,
jeder Symbolik feindseligen Zeit, von
großer Bedeutung war, geht Krenser')
doch zu weit, wenn er schreibt: „Im

ganzest Abendlande ist keine alte Kirche
ohne Ostung nachzuweisen"?) Zwar spre-
chen die meisten Kirchenväter von der
Richtung nach Osten als Stellung znm
Gebete, also auch von der Orientierung
der Kirche — denn die Kirche ist nach
Mark. 11, 17 das Hans des Gebetes —;
aber doch meist Augustinus die Ostung der
Kirche nur in das Gebiet der Tradition
nnd siitdet sie nicht in der bl. Schrift
begründet?)

B i s i it s IV. I a h r h u n d e r t haben wir
keine christlichen Kirchen ntehr erhalten.
Solange die Christen ihre gottesdiensi-
lichen Versammlungen unter der Erde,
ili den Katakomben abhalten mußten.

konnten sie die Gebetsstellung gegen Osten
einhalten durch angemessene Anfstellnlig
des Altares, und zwar so, daß der Prie-
ster gegen das Oolk nach Osten schaute,
oder Volk lind Priester nach dieser Nich-
tuug. Letzteres mußte an Arcosolinms-
altaren, welche mit einer Langseite an
eine Wand anlehnten lind nach Osten ge-
richtet waren, statthabeli, so daß der
Priester dem Volke den Rückell kehrte,
bei der Begrüßung des Volkes mit Domi-
nus vobiscum sich aber umwandte.')
Was die Christen nun thaten, als sie sich
ans Tageslicht wagen durften, läßt sich
nicht nilsmacheu. Jos. Alb. Alberdingk
TlsijmP sucht diese Frage in einem Briefe
all August Reiehensperger dahin zll be-
^ alltworten, daß er die christliche Ostung,
weil zll damaliger Zeit unzweckmäßig,

; verneint. Die beiden Gründe, ans welche
er sich stützt, sind der Lage der Christen
überhaupt elitnoinmen, ivelche von Feinden
aller Art bedrängt, mit geistigen Waffen
bekämpft infolge dieser Sitte als Sonnen-
anbeter gebraudmarkt wurden, oder mit
physischer Macht und Gewalt unterdrückt
die Kosten für neue Bauten sich nicht
leisten konnten. Jil diesem. Pliukte be-
rührt sich die Bealitwortnng des Problems
mit einer andern, der Frage nach bem
Ursprung der christlichen Basiliken.

Die Ansicht: die christlichen Basiliken
stammen von bciicit der Römer ab, hat
betreffs des Wie? eine zweifache Modifi-
kation erfahren; die einen neigten mehr
! zll der Ansicht hin, daß altrömische Basi-
liken in christliche u nt gewandelt wurden,
| die anderen sprachen sich dafür aus, daß

>) I. Kreuser, Christlicher Kirchenbau, seine
Geschichte, Symbolik und Bildnerei nebst An-
deutungen für Neubauten. Negensbnrg 1800.
1. Bd. 2. .Ausl.

2) S. 65.

8) Durandus , Ration. 1. \ . c. 2.

i') Mdr. Schmid, Der Altar und sein Schmuck.
Regensburg 1871. S. 51 mit Abbildung: y'iym 5.

'-) Lettre sur la ligne sacree ä M. 1e conseil-
ler Auguste Reiehensperger. Amsterdam 1858.
P. 6.
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