Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 19.1901

Seite: 55
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Öü

von Dr. Paul Schubring (Berlin) über
neue Erwerbungen für die Gemäldegalleric
in Berlin. Als besonders erfrculid) wird
angeführt die Erwerbung einer Serie von
acht Bildern, die vom Ulmer Maler Hans !
Mnltscher stammen, bezeichnet uttb von
1437 datiert sind. Eine kurze Charakteristik
wird noch angesügt, wonach wir einen
„Künstler von selbständiger Gestaltnngs-
kraft, mit wachenr Sinn für daS Sachliche
vor Ulis haben, der mir wenig von der j
golhisehen Tradition gefangen gehalten
lvird. Tie einstige Annahme, als sei die
frühe deutsche Kunst auch am Oberrhein
wesentlich lyrisch-typisch, ohne Realismus,
wird durch das Werk Mnltschers ein für
allemal widerlegt." Die acht Tafeln bil- ■
deten einst die Innen- uitb Außenflügel
eines Schnitzaltars: Das Mittelstück ist I
verloren. Friedrich Lippnlann banSen nur
ihre Ansfindilng in e n g l i s ch e m P riva t-
b esitz, in den sie ans dem Besitz des
Trrlchsessen v o lt Waldbnrg im
2111 fang des 19. Jahrhunderts >
übergegangen waren.

Vorstehender Bericht der „Frankfurter
Zeitung" wird durch die „Amtlichen Be-
richte aus den königlichen Knnstsamm-
lnngen" bestätigt. Der betreffende 2lb-
schnitt des amtlichen Berichts lautet nach
Beilage zum „Staats-Anzeiger für Würt-
temberg" vom 4. März 1901 folgender-
maßen °.

Eine Schenkung des Herrn Julius
Wernher in London, der unserer Gallerie
schon wiederholt werthvolle Zuwendungen
gemacht hat, bereicherte die Sammlung
mit einem für die G e s ch i ch te der
d e n t s ch e n M alerei a n st e r o r d e n t -
lich wichtigen Monnnrent: acht

Tafeln mit Darstellungen ans dein Ma-
rienleben und der Passion Christi, die —
nach der Inschrift auf einer der Tafeln
— 1437 von Hans Multscher ansgeführt
worden sind. Mnltscher von Ulm war
als Künstler bisher nur bekannt durch den
in Sterzing (Tyrol) bewahrten stattlichen
2lltar, der nach einer urkundlichen 'Rach-
richt 1457 von ihm geliefert wurde. Die
acht für unsere Gallerie gewonnenen Tafeln
bildeten ursprünglich zwei, ans beiden
Seiten mit je zwei Darstellungen über-
einander geschmückte 2lltarflügel. 'Rach der
Analogie des Sterzinger Altars dürfen wir ,

die Bilder so geordnet denken: Bei ge-
schlossenen Flügeln oben links Christi Ge-
burt, rechts die Anbetung der Könige,
unten links das Pfingstfest, rechts der Tod
Mariä; bei geöffneten Flügeln oben links
die Oelbergscene, rechts die Gerichtsdar-
stellnng mit Pilati Handwaschnng, unten
links die Kreuztragung, rechts die Auf-
erstehung Christi. Die Flügel verschlossen
einen Altarschrein, t er vermnthlich die
Kreuzigung in Schnitzerei barg. Auf der
Tafel des 2Rarientodes steht die Inschrift:

,Bitte Gott kur hannssen rnuoltscheren
vo l ichehofe burgr ze ulm hant dz werk
gemacht do ma zalt MCCCCXXKVII.“
2lnf der Tafel des Pfingstfestes steht in
etwas wunderlicher Schreibung: ,,I4ans
Muoltscher vo richehofe hant ge.“

Was die Erwerbung dieser Bilder aus
englischem Privatbesitz anlangt, in den
sie ans der Gallerie des Truchsessen von
Waldbnrg gelangt sind, so hat sich durch
diese Nachricht eine Bemerkung bestätigt,
die sich bei C. Jäger, Schwäbisches Städte-
wesen int Mittelalter 1831 S. 578 findet:
„Von diesem Johann 'Multscheren behauptet
Graf v. Sternberg in der Gallerie des
Grafen Truchseß von Waldbnrg mehrere
vortreffliche Gemälde gesehen zu haben.
Sollte er wirklich auch ein Maler gewesen
sein?" Fr. v. Reber hat also richtig
angenommen, daß Sternberg die bezügliche
Notiz ans einer Genräldebezeichnnng ge-
schöpft haben müsse.

Tie Herkunft unseres Meisters ans
Neichenhofen (im Allgäu) ist gleichfalls
durch seine eigene Inschrift ain Kargschen
Altar int Münster angegeben. In gothi-
schen Majuskeln ist an der unteren Hori-
zontalleiste zu lesen: ,,Per Mc Johannem
Multscheren Nacionis de Richenhofen
Civem Ulme. Et Manu Mea Propria
Constructus.“

Wenn v. Reber als sicheres Resultat
in er Untersuchung folgende vier Punkte
zeichnete,

1) daß Hans Mnltscher, Bildhauer, 1427
steuerfrei als Bürger von Ulm aus-
genommen wurde,

2) daß er dort bis 1467, d. h. bis an
seinen Tod, thütig war,

3) daß er den Sterzinger Altar ge-
liefert und
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