Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 19.1901

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scheu Einflusses') machte sich in Deutsch-
land die Gewohnheit geltend, die sranzö-
sischen Doppelchöre gur Anwendung zu
bringen. Doppelchöre finden sich zum
erstenmal in der ältesten Zeit in Afrika,
an einer Basilika zu Hermontis (325 ge-
gründet), in Aegypten, welche zugleich
fünfschiffiges Innere hatte, une bei den
'Aasiliken gu Deyr-Abn-Faueh, zu Plsilae
inib Jbrihinl?) r> oit der Benediltiner-
abtei Centnla (St. Riquier)") in der
Diöeese Amiens kam die Form der Dop-
pelchöre an Kirchen zunächst in Fulda zur
Anwendung an der Salvatorkirche, deren
Ostchor dem Erlöser geweiht war, mäh-
rend der Westchor zur Grabstätte des hl.
Bonifatins, des Gründers von Fulda
(744) benützt wurde?) Ans dem Grunde
der Doppelchöre überhaupt, nämlich neben
dem Hanptpatron noch einen Nebenpatron
in der Kirche zu verehren, traten allerlei
Unzulänglichkeiten ein. War beim Ein-
tritt in das Innere der Kirche unser Auge
sofort ans den Chor gerichtet, mag er
sich in den ältesten Kirchen im Westen,
oder wie später im Osten sich erhoben
haben, bei doppelchüriger Anlage ist der
ganze Bail in zwei Hälften zerrissen?)

Im Allgemeinen darf man annehmen,
daß bitvct) Karl den Großen °) wie im
Gesang, so auch in der Baukunst römische
Vorschriften eingeführt wurden?) Die

°) Alb. Kuhn, Die Plastik in der Epoche
des altchristl. Baustils bei den Germanen. S. 305,
12. Lief.

2) H. Holtzinger, lieber den Ursprung und
die Bedeutung der Doppelchöre. Leipzig 1882. S 7.

3) Der östliche Teil der Kirche hatte einen
Vierungsturm nebst den beiden Kreuzarmen und
dem Chorhaupt. Der Altar des hl. Richard
stand gemäß der Sitte, die Toten mit den Füßen
nach Osten zu betten, ostwärts von der sepultma;
der Ostteil trug den Namen: tronus s. Richarii;
der Westteil war der Altbau und war dem Schutz-
patron der früheren Kirche, dem salvator mundi,
geweiht.

4) In der vita Eigil. (Mabillon. Acta

sanctorum. VI, I. p. 255) wird berichtet, bei
der Translation der Leiche habe sich der Zug
bewegt ad aram in parte occidua ecclesine
Romano niore peractam, so daß der Altar an
der Ivestlichen Seite der Basilika stand, während
der Eingang im Osten war. Vgl. Alb. Kuhn,
S 342. 12. Lief., Die Epoche der altchristl.

Baukunst.

b) Alb. Kuhn, S. 385. 13. Lief.

? t>ltb. Kuhn, S. 383. 12. Lief.

Riehl, Zur Geschichte der srühmittelalter-

^ Einhardsbasilika zu Michelstadt (begonnen
! 827) hatte den Chor gegeit Osten Z) lvie
auch an dem Grnndplan der Kirche zu
St. Gallen voll 820 die Haupteingänge
all der Westseite waren.

Dieser Grundplan war zugleich das
allgemeine Programm, welches der B e n e -
diktinerorden den einzelnen Klöstern
vorschlng, woraus sich ailch erklärt, lvarnm
Klosterkirchen nlid namentlich die desselben
Ordens selbst bei weiter Entfernung viel
Gemeinschaftliches hatten. Der Orden
gab allgemeine Vorschläge, ließ aber zn-
mal bei den Venediktinerll und ihren Re-
formen den Clnniacensern und Hirsanern
vollkommen freie Hand in der Ans-
sührnng.

An der doppelchörigen Basilika zu St.
Gallei?) führten die Eingänge gu beiden
Seiten der Westapsis iit die Nebenschiffe.
Der Ostchor hatte das Grab des hl. Gallus
llnd über der Krypta beit der seligsten.
Jungfrau uitb dem hl. Gallus geweihten
Hanptaltar, ein Zeichen, daß schon ba-
inals Priester mtb Volk nach Osten blickten.
In der Westapsis befand sich der Altar
des hl. Petrlls, anknüpfend ail die West-
lage der Hanptapsis der Peterskirche in
Rom. Daß dieses Beispiel noch manche
Nachahmungell fand, zeigt der Donl zu
Augsburg") (994—1000), die Kirche voll
Petershansei?) (983 — 992), St. Michael
in Hildesheil!?) (1001 begonnen von
Bischof Bernward), welche den Hanptchor
nach Westen hatten, während im Dom
zu Köln (614—873) der Ostchor bcm
hl. Petrus geweiht war?) Westlich liegt
das Qnerschiss im Donl von Bamberg?)

licheu Basilika in Deuischlaud. Sitzuugsbcrichte
der Akademie der Wisseuschafteu in der philos.-
philol.-histor. Klasse. München. 1898. 1, 298.

0 Adcnuy, Die Einhardsbasilika zu Steinbach.
Hannover. 1885. S. 299.

0 S. den Bauriß des Klosters St. Gallen vom
Jahre 820: Alb. Kuhn, Altchristl. Baukunst bei
den Germanen. 11. Lief.

3) B. Riehl, Kunsthistorische Wanderungen
durch Bayern. Denkmale srühmittelalterl. Baukunst.
München 1888. S. 50.

? G. Hager, Romanische Kirchenbaukunst in
Schwaben. S. 12. Neuwirth, St. Gallen,
Reichenau und Petershausen. 1884 in dem
Sitzringsberichte der Wiener Akademie S. 84.

b) B. Riehl a. a. O. S. l2.

°) Otte, Geschichte der rom. Baukunst in
Deutschland. S. 92.

0 Riehl, Kunsthift. Wanderungen. S. 320.
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