Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 19.1901

Seite: 68
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diesen Chor und das Langhaus ein Oncr- '
schiff mit Emporen und einer Flachkuppel
über der Vierung eingeschoben. Bei diesen
architektonischen Veränderungen wurde auch
das Schiff dem Stile der Zeit möglichst
angepaßt: das Mittelschiff wurde mit
einem Tonnengewölbe, die Seitenschiffe
mit Flachgewölben versehen, die sämmtlichen
Gewölbe aber mit Malerei mib reichen
Stnckornameuten ausgestattet. Bei solch'
tiefgreifenden architektonischen Veränder-
ungen und bei solcher vollständiger Um-
gestaltung der Dekoration der Kirche in
den Nokokostil war natürlich an eine
bauliche Rekonstruktion des ursprünglichen
Stiles nicht zit denken und man hat deßhalb
auch bei der früheren Restauration des
Chores mit Recht keinerlei architektonische
Veränderungen an der Kirche vorge-
nonunen.

Es wurde nemlich schon im Jahre 1883
mit der Renovation der Kirche und zwar
mit der des Chores begonnen, leider zu
einer Zeit, wo man für Restauration der
Kirchen in Spätstilen noch kein richtiges
Verständniß hatte, namentlich auch nicht
für eine richtige Bebandlnng der Stnc-
catnren. Wurden diese ja vielfach unver-
standener Weise mit Farben angepinselt
und zwar so stark, als handle es sich um
Anstrich und Bemalung von Holzverklei-
dungen, Holzplafonds und dergleichen. Die
Folge war natürlich, daß der plastische
Charakter der Stuccaturen, welche einen
Kunstzweig für sich bilden und darstelleu,
verloren gieng. Auch hier in unserer
Kirche sehen wir die Stuccaturen theil-
weise mit vollen Farben überstrichen,
Wände und Plafonds erhielten starke
farbige Töne, theiliveise mit Goldornameu-
ten versehen. Auch wilrden leider die Ge-
mälde der Flachknppel imb die der Pla-
fonds der Emporen stark übermalt und
so vielfach ihres ursprünglichen Charakters
entkleidet. Der imposante, in der Art
seines Stiles interessante Hochaltar wurde
seiner Ornamente beraubt, ganze Parthieen
wurden entfernt lind durch solche des
Renaissancestiles ersetzt. Auch das Chor-
gestühl mlißte sich dieser ganz verfehlten
Restauration unterwerfen.

Jnl Jahre 1892 sollte die Restauration
der Kirche fortgesetzt werden und der
Kir-chenstistungsrath berief zunächst beit

Vorstand des Diözesan-Knustvcreius, um
Gutachten und Vorschläge über den wei-
teren Gang der Arbeit zit vernehmen. Dar-
nach sollten in die Fortsetzung der Re-
stauration zunächst die beideit Seilen-
altäre im rechten Schiffe, die Seiten-
kapelle daselbst und sämmtliche noch nicht
erneuten Fenster ausgenommen werden.
Was zunächst diese F e u st e r v e r -
glas it n g e n betrifft, so nutrden sie
sämmllich den schon vorhandenen ent-
sprechend mit sogenannten Butzenscheiben
— gegossenen und mit einem Stich ins
Gelbliche — ausgeführt. Es waren
ca. 16<) Quadratmeter zu verglasen und
wurden von der Tyroler Glasmalerei tu
Innsbruck zu sämmtlichen Fenstern des
Schiffes eigens Rokoko-Ornamente als
Bordüren gemalt, um die Fenster auf diese
Weise vollständig mit den schönen Stncca-
turen des Schiffes in Einklang zit bringen.
Diese sämmtlichen Fensterarbeiten kameit
in runder Summe ans 4000 M. zu
stehen; sie wurden von Glasermeister
Birk in Biberach in schöner, solider
Technik ausgeführt.

Der rechte S e i t e u a l t a r ist
dem hl. Joseph geweiht ltttb hat eilt nicht
schlecht gemaltes Altarblatt; er ist im
lebhaftesten Zopfstil gebaut und hatte
reiche Vergoldung und Versilberung,
auch war er verschiedenfarbig ntarntorirt.
Diesem seinem früheren Charakter ent-
sprechend sollte er möglichst getreu wieder
hergestellt werden; namentlich sollte die
reiche Vergoldung und Versilberung wie-
der angewendet werden. Sämmtliche
Flächen uitb Ornamente wurden fein ge-
schlissen und so der ursprüngliche Grund
für die Bentalung hergestellt.

Die Bemalung selbst geschah dann in
Oelfarbeu uitb Marmorimitation und
zwar in der ursprünglichen Pracht. Das
Altarblatt wurde von Schmutz und Firniß
gereinigt, schadhafte kleiitere Stellen wnr-
den ansgebessert, aber jede Uebermalung
unterblieb. Die reiche Arbeit kam auf
1200 M.

Der Altar t it der rechten Seiten-
kapelle ist ans Stnckmarmor erbaut
und wurde vollständig wieder frisch auf-
geschliffen und poliert, aber nicht blos
gereinigt uitb gewichst, wie früher an
seinem Gegenstück geschah. Auch hier
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