Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 19.1901

Seite: 69
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tombeit die ornamentalen Th eile wie vor-
her wieder vergoldet und zwar abwechselnd
in Matt- und Glauzgold. Für Reno-
viruug dieses Altares und Reinigung des
Altarblattes wurden 900 M. ausgesetzt.

Bezüglich der Reuoviruug der rechten
Seiteukapelle wurde verlangt, daß
die Dekoration sich hier möglichst dem
Charakter der alten Bemalung auschließe,
daß sie namentlich leicht und licht in den
Tönen sei und jede schwerfällige und volle
Farbenanftragnng vermieden werde. Die
Stnccaturen wurden weiß bemalt und mit
Gold nnfgelichtet. Zugleich mit dieser
Kapelle wurde der darin befindliche Tauf-
stein und Beichtstuhl entsprechend erneuert.
Für diese Arbeit waren 700 M. aus-
gesetzt.

All' die genannten Arbeiten waren beut
Maler M cvr t i n in München übertragen
und vertragsmäßig ausgeführt; sie waren
geeignet, ein Vorbild für die weitere Fort-
setzung der Renovation int Schiff ztt geben
und waren auch Veranlassung zu tveiterett
freiwilligen Beiträgen der Pfarrangehö-
rigen, um die ganze dekorative Erneuerung
der Kirche ztt Ende ztt führen.

Die dritte Periode — wenn wir
so sagen wollen — in unserer Kirchen -
restanration wttrde, nachdem der Pfarr-
herr, Schnlinspektor Ziesel, schon ca.
10 000 M. Gelder gesammelt hatte, int
Januar 1897 eingeleitet. Zunächst wurde
ein mündliches Gutachten seitens des
Kunstvereins eingeholt. Hier aber bei
der Renovation des Schiffes handelte es
sich nicht mehr blos mit die dekorative
Ausmalung, sondern auch um die Restau-
ration der ganz bedeutenden Fresken,
welche das ganze Tonnengewölbe des
Mittelschiffes und die Deckett der beiden
Seitenschiffe zieren. Da erhob sich vor allent
die Frage, wo ist der selbstlose Meister
zu finden, der mit diesen Fresken schonend
nmzugehen versteht, der sie nicht seiner
eigenen Kunst ztt unterjochen, ztt „ver-
bessern" d. h. ztt überntalen beabsichtigt,
der Meister, der sie nur reinigt und in
soweit Neues schafft, als das Alte voll-
ständig verschwunden ist. Es erbot sich
hierztt eilt Künstler aus der Pfarrei, der
akademisch gebildete Kunstmaler Gallus
Roth von Rempertshofen, während die
dekorative Ausmalung des Schiffes der

Dekorationsmaler Müller von Kißlegg
übernehmen wollte. Nach beut Wunsche
des Kirchenstiftnngsrathes sollte aber Maler
Roth zuerst probeweise zwei Deckenbilder
des Seitenschiffes renoviren, während
Müller ein Stück der dekorativen Aus-
malung, ebenfalls zur Benrtheilnng seines
beabsichtigten Verfahrens, ansführen sollte.
Nachdem dies geschehen, wttrde der Ver-
fasser dieser Zeilen ztt einem schriftlichen
Gutachten ersucht und führte hierüber,
sowie über die beabsichtigte Ausmalung
der Kirche überhaupt, Folgendes aus, das
vielleicht auch allgemeineres Interesse haben
könnte: Die Restauratiott der Kirche tu
Kißlegg ist int Nokokostile durchzuführen.
Das Hauptaugenmerk aber ist bei An-
: Wendung dieses Stiles auf die richtige
Behandlung der Stnccaturen und die
Ausmalung der Plafonds und Wände zu
richten. Es muß hier als Hanptgrundsatz
j aufrecht erhalten werden, daß man Barock-
und Zopfkirchen int Sinne und nach dem
Willen ihrer Erbauer entweder weiß lassen
oder s i ch n tt r a n f s ch w a ch e H a l b -
töne beschränken muß. Aber wie
solche Bauten eine Polpchromirnng nicht
ertragen können, zunt mindestett keine solche
mit vollen, satten Farben, so wäre es auch
^ dem Stilcharakter der Barock- und Zopf-
zeit zuwider, wollte man den Grund der
Füllungen der Stnckornamente oder gar
die flachen Wände nt ar moriren. (Das
Probestück zeigte nämlich eine solche
Marmorirnng.)

Wenn es attch zu weit gehen heißt,
die Marntorimitation selbst iit den Spät-
stilett als eine angebliche Lüge gattz ans
beit Kirchen zu verbannen und sie selbst
nicht einmal an Sänken, Pilastern und
dergleichen anznwenden, so wird doch jeder
Versuch, die Marmorisirnng der Grund-
flächen an Plafonds und Wänden in eine
harmonische Verbindung mit den übrigen
! Farben der Kirche zu bringen, seien es
halbe oder ganze, sehlschlagen; es wird
nie gelingen, zu einer Marmorisirnng von
solcher Ausdehnung die Farben richtig zu
stimmen.

Nach diesen Grundsätzen war denn auch
das Stück der Bemalung zu benrtheilen,
welches als Muster für die projektirte
dekorative Ausntalnng des Schiffes der
Kirche gelten sollte. In ganz richtiger
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