Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 19.1901

Seite: 70
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Weise waren hier die Stnckornamente
weiß gelassen uitb nur mit Gold aufge-
lichtet. Weun aber daini, wie hier ge-
schah, die säunutlicheu Grundflächen für die
Stnccatnren, selbst au den Gewölben der
Schiffe, mit Acarmorimitation behandelt
waren, konnten wir uns damit nicht cin-
verstanden erklären. Wenn es schon an
und für sich ein Unding wäre und in
Wirklichkeit auch wohl nirgends in der
Welt sich finden wird, daß die gewölbte
Decke einer Kirche ans Marmor hergestellt
ist, so widerspricht gewiß nicht minder
auch schon die Imitation eines solchen
Verfahrens einem richtigen Stilgefühl.
Dazu fontvif, daß bei einer solchen Mar-
morirnng die einzelnen Theile der Stuck-
ornamente in ganz verschiedene Wirkung
kommen müßten, je nachdem sie zitfällig
mit helleren oder dunkleren Marmorpar-
lhieen znsammenfallen würden.

Auch die sämmtlicheu Wände der Kirche
waren nach dem gegebenen Mrister für
Marmorisirnng projektirt und war hier
noch das sonderbare Verfahren vorgesehen,
daß die sämtlichen Marmorflächen durch
qnadrirte Linien einen monumentalen
Anstrich bekommen sollten. Abgesehen
davon, daß ein solches Verfahren voll-
ständig dem Darock- und Rokokostil wider-
sprechen würde, müßte es auch als un-
praktisch bezeichnet werden. Welch' eine
schmutzige Wirkung müßte es Hervor-
bringen, wenn nach Verlauf von ein paar
Jahrzehnten sich Staub an die Wände
gefetzt haben würde und die Marmorirnng
unkenntlich gemacht wäre, während bei
monochromer Behandlung der Wände
selbst bei größter Bestaubung immerhin
noch der Lokalton wirken wird.

Der Vorschlag des Verfassers über die
dekorative Ausmalung der Kirche war
daher folgender: es solle bei dieser Kirche
eine vorwiegend nur in Farbentönen be-
ruhende, einfache Bemalung der Plafonds
sowohl als der Wände stattfinden.

Nicht das Ornament — dieses ist schon
in dem Stuck gegeben — oder die Mar-
morirnng, die dem Ornamente gleichkommt,
sondern die Farbe d. h. die Farben tön e,
müssen, wie überhaupt im Nokokostil, das
Wesentliche bei der Ausmalung dieser
Kirche ausmacken. Denn der künstlerische
Charakter und die Wirkung bei der Ans-

malnng einer Kirche in den Spätstilen
darf nicht abhängig gemacht werden von
der Zahl der verwendeten Ornamente oder
der Marmorirnng, der vielfarbigen Ans-
ftattnng der Wände — denn das ist
eigentlich die Marmorirnng —, sondern
hier kommt es hauptsächlich darauf an,
wie die Farbentöne für Plawnds und
Wände zu wählen, zu stimmen und anzu-
ordnen sind. Dafür können allerdings
keine genaueren, spezielleren Regeln ge-
geben werden und hängt es hier haupt-
sächlich von der Tüchtigkeit des Meisters
ab, der den Entwurf zu fertigen hat, von
feiner Meisterschaft in der Kenntniß und
Negierung der Farbenkräfte. Als leiten-
der Grundsatz für Farbengebung eines
solchen Entwurfes konnte hier nur ange-
geben werden: es sollten statt der Mar-
morirnng die Grundflächen der Stncea-
tnren und die Wände der Kirche nur
mit einfarbigen, warmen, aber
lichten und leichten Töne u gestrichen
werden und müßten diese Töne, um Ab-
wechslung hervorzubringen, an den Wän-
den stärker sein als an den Plafonds und
in den Fensterleibnngen wieder lim einige
Grade stärker als an den Wänden. Die
Stuccaturen sollen, wie in dem gegebenen
Muster richtig geschehen, weiß gelassen und
nur mit Gold anfgelichtet werden. Es
wird sich bei weiterer Fortsetzung der
Renovation, namentlich bei Inangriffnahme
eines Stückes im helleren südlichen Schiff
vcn- selbst ergeben, ob und in wie iveit
vielleicht noch eine stärkere Anwendung
von Gold stattfinden soll. Bei Fertigung
einer Farbenskizze wird sich auch ergeben,
wie die Sänken behandelt werden sollen,
ob namentlich bei ihrer bedeutenden Stärke
eine Marmorirnng in kräftigeren Farben
am Platze sein wird.

Um in der Sache ganz sicher zu gehen,
wurden noch zwei ausübende Künstler zu
Rathe gezogen, der Historienmaler G.
Angel in München für die Fresken und
der Dekorationsmaler Martin von da
für den dekorativen Theil; ihr Urtheil
war übereinstimmend mit den oben ange-
gebenen Ansführnngen. Von anderer
Seite wurde dann noch sogar das Gut-
achten des Münchener Architekten Dülfer
eingeholt. Dieser Herr setzte in seinem
Elaborate zuerst auseinander, daß die
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