Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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bar, aber iit die Augen springend war das
Manko, als er vom Zeichnen zum Malen
überging. Zunächst halfen ihm allerdings
die jugendliche Zuversicht, die gesellschaft-
lichen Zerstreuungen und der Umgang mit
geistreichen Frauen über das Unbehagliche
dieser Wahrnehmung weg, aber auf die
Dauer war eine Täuschung nicht mehr
möglich. Der Verzicht auf die Oeltechnik
bekundet am besten die Stimmung des
Ktinstlers. Den Kopf voller Gedanken,
die Phantasie voller Bilder, aber nicht
das technische Können ihnen Gestalt zu
geben — das war eine schwere Krisis für
den einst so hoffnungsfrohen jungen Mann.
Der Takt einer Frau half ihm über die-
selbe weg. Die Gräfin Zichy saß ihm zu
einem Porträt. Sie hoffte, die Sym-
pathie, die sie mit ihm verband, würde
ihm die nöthige Begeisterung für's Schaffen
und den Opfermuth für die Ueberwind-
nng der technischen Schmierigkeiten geben,
und so würde er aus der Verzagtheit
wieder zum Glauben an die Kunst auf-
gerüttelt und die gewonnene technische
Fertigkeit würde ihm. fortan bleiben. Der
Erfolg entsprach den gehegten Erwart-
ungen fast in allen Punkten. Allerdings
machte die Theilnahme an dem Befrei-
ungskriege der Knnftübung vorerst ein
jähes Ende, aber sie weitete doch den Bück,
stählte den Körper und Geist, lies; die
Bedenken unb Sorgen des Alltagslebens
zurücktreten hinter den Idealen, die jeden
Patrioten beschäftigen mußten, versöhnte
den wegen der Konversion immer noch
grollenden jüdischen Vater, knüpfte neue
Freundschaften und Beziehungen und war
schließlich auch der Anlaß zu zwei Ge-
mälden, die von dauerndem Werthe sind.

Noch während Veit auf dem Gute sei-
nes Waffengefährten Fouque sich von den
Strapazen des Krieges erholte, erhielt er
den ehrenvollen Auftrag, die durch Eigen-
schaften des Körpers wie des Geistes aus-
gezeichnete Prinzessin Wilhelm von Preu-
ßen ;u portrütiren. Die Bewunderung
für das Original half auch hier wie in
Wien über die technischen Hindernisse weg,
und seine Stellung in seiner Vaterstadt
wäre ivohl gesichert gewesen, hätte es ihn
nicht mächtig nach Wien gezogen, zunächst
um das Porträt derjenigen fertigzustellen,
von der er eine Locke auf den; Herzen

getragen hatte in den Freiheitskämpfen,
der Gräfin Zichy — und das Gemälde
gelang. Noch eine andere Ehrenschuld
hatte er abzutragen. Als ihm in der
Völkerschlacht bei Leipzig ein Granat-
splitter den Mantel von der Schulter riß
und er selber unter seinen Schimmel ge-
schlendert wurde, gelobte er eine Madonna
della pace im Falle der Errettung. Er
hat sein Versprechen nachmals in einem
Votivbild für die Kirche in Heiligenstadt
bei Wien eingelöst: nicht mit einer Ma-
donna della pace,H sondern Madonna
mit Kind und Täufer. Das Bild hat
leider durch Brand gelitten und in seiner
äußeren Anlage und der Jndividnali-
sirung der Figuren weist es auf italie-
nische Vorbilder, aber alles in allem ist
es eine tüchtige, zum Gemüthe sprechende
Leistung. Das göttliche Kind auf dem
Schooß der Mutter weist den kleinen
Gefährten auf das Kreuz. Auch ans dem
Auge Mariens spricht das Sinnen über
dieses Wahrzeichen der Zukunft ihres
Eingebornen. Eine anmnthige Abend-
landschaft schließt Bild und Stimmung
harmonisch ab.

Veit wartete die Aufstellung des Ge-
mäldes an seinem Bestimmungsort nicht
mehr ab, sondern gab dem Drang nach
dem Süden nach. Damit tritt nicht nur
sein Leben, sondern auch seine Kunst in
eine neue Phase ein. Er traf daselbst
einen Kreis junger Künstler, welche der
Ekel wider den Akademiezopf von Wien
über die Alpen getrieben hatte. Zur
nüchternen Betrachtung der Natur, zur
vollen Emanzipation von stereotyp ge-
wordenen Schulregeln, zur freien Ent-
faltung der Individualität hatten sie sich
noch nicht anfgeschwungen; aber eine Aus-
nahme vom großen Haufen machten sie,
sofern ihnen die Kunst nicht lediglich im
Fluß der Linien aufgieng, sondern die
Farbe auch noch etwas galt und die Be-
geisterung für Vaterland und Glauben,
die durch das Elend der Franzosenzeit
wieder neu entfacht war, hatte auch sie
mächtig ergriffen und ivollte in ihrer Kunst
zum Ausdruck kommen. Mochte es auch
verfehlt sein, wenn ihr Führer Overbeck
die Kunst der Alten unbedingt als Norm
ansah, wenn er nur das Typische, nicht
! das Individuelle in Natur und Menschen
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