Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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darzustellen erlaubte, und wenn er speziell
die Darstellung des sinnlich Schönen
schlechthin, verbot — ein guter Kern war
in ihnen und er warb ihnen Freunde und
Gönner. Zn ersteren zählt auch Beit
und der bekannteste unter den letzteren ist
Bartholdy. Er gab Cornelius und sei-
nen Freunden den Auftrag, die Casa
Baitholdy mit Fresken zu schmücken.
Beit fielen „Joseph und das Weib des
Putiphar" sowie „die sieben fruchtbaren
Jahre" zu. Letztere Komposition, auch
zeitlich die spätere, zeigt eine größere
Sicherheit der Zeichnung und lebhaftere
Freude au den Dingen dieser Welt, erstere
dagegen hebt sich von ihr vortheilhaft ab
durch die Harmonie des Kolorit's unb es
fehlte nicht au solchen, welche die Schöpf-
ungen Bcit's für die beste koloristische
Leistung ansahen.

Bald ward ihm der ehrenvolle Auftrag,
im Museo Chiaramonti das Verdienst des
Papstes um die bauliche Sicherung des
Kolosseums zu feiern. Er wandelte jedoch
den Gegenstand um in einen „Triumph
der Religion": Vor der mit Kreuz und
Palme im offenen Raum des Kolosseums
thronenden Figur der Religion ist ein
Pilger (Abbe Roirlien, der Freund Beit's,
hatte als Modell dienen müssen) auf die
Kuiee gesunken. Auf zwei von Engeln
getragenen Tafeln wird der Verdienste
des Papstes gedacht. Die Figur der
„Religion" ist ein ehrendes Denkmal des
Künstlers für seine inzwischen verstorbene
Freundin, Gräfin Zichy. Die Zeichnung
ist noch korrekter als früher; das Zn-
sammenspiel der Farben hat vielleicht kein
anderes Bild Beit's mehr in dem Grade
erreicht, wie „der Triumph der Religion".
Die Figur der Religion, in etwas anderer
Fassung, wiederholte er für die Fürstin
von Sigmaringeu und gleichzeitig matte
er einen heiligen Sebastian für Frau von
Huniboldt.

Seine Hauptarbeit aber in dieser Zeit
waren die Dantefresken, welche Corne-
lius für die Villa Massimi übernommen,
aber" in Folge seiner Berufung nach Mün-
chen unvollendet gelassen hatte, und der
größte Triumph der Nazarener überhaupt
— leider auch der letzte, war die Aus- !
stellung von 179 Kunstwerken in Rom im
Jahre 1819. Als die Perle derselben!

ward einstimmig Beit's „Religion" für
die Fürstin uoit Sigmaringen bezeichnet.
Run aber trat eine Wendung ein: Die
Begeisterung der Freiheitskriege war ver-
rauscht; das Reformationsfest 1817/18
hatte den konfessionellen Gegensatz ver-
schärft und die Brandschrift des schon
genannten Abbe Roirlien gegen die pro-
testantenfrenndlichen Kundgebungen in Rom
hatte ihre schlimmen Folgen auch für die
Freunde des Verfassers. Dazu kam, daß
die Nazarener sich in ihren religiösen und
politischen Anschauungen enger berührten,
als in ihren künstlerischen. All' das hatte
zur Folge, daß die Wirkung der Aus-
stellung von 1819 weit hinter der der
vorhergehenden zurückblieb.

(Schluß folgt.)

Hans Multscher, Bildhauer und
Maler?

Von Max Bach in Stuttgart,
lieber Hans Multscher (Multscheler,
Mutschler) und seine neu anfgetanchten
Werke ist jetzt die längst erwartete Ab-
handlung von Max Friedländer ine letzten
Heft des Jahrbuchs der preußischen Kunst-
sammlungen (1901) erschienen. Ich ge-
stehe, die Abbildungen haben mich nicht
davon überzeugt, die Doppeleigenschaft
Multschers als Maler und Bildhauer an-
zuerkennen. Das Hauptargument, die
Inschrift aus bem Bilde des Pfingstfestes
(linker Flügel unten bei geöffnetem Schrein),
ist so ungewöhnlich und wie Friedländer
selbst sagt: eher aus Laune oder aus dem
Bedürfnis; der Raumfüllung- hingesetzt.
Die ohne alles Verhältniß großen Ma-
juskelbuchstaben stehen in den Zwickeln
der Bogenarchitektur der mittleren Gruppe,

; welcher als Hintergrund ein gothisches
Chörlein dient, während zu den Seiten
Ausblicke in die Seitenschiffe des darge-
stellten Kirchenrnnmes möglich werden.
Die Schrift läuft über Eck in folgender
Anordnung:

HAHS NVOLTS CERVO RICHE

HOV EH HAVT GE

Die Buchstaben sind untermischt mit
gothischen Zeichen. N steht für M, Ii für
N u. s. w,
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