Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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ächte Dedikationsinschrift, nach welcher I
außer allem Zweifel steht, daß Hans!
Miltscher voll Ulm im Jahr 1437 das j
Werck gemacht hat, der Verfertiger nennt
sich aber nicht Maler, ivie z. B. Zeit-
blom und Herlin sich nennen, sondern
läßt jede Bezeichnung seines Berufes
weg; dagegen bittet er die Gläubigen,
für ihn zil beten, wenn er anr Anfang
der Inschrift sagt: „bittet got für Hansen
Mnltscheren" (so und nicht „bitte", glaube
ich zil. lesen). Durch diese Worte ist
konstatirt, daß das Werk ein Familien-
altar war und nicht auf die Bestellung
eines Andern anSgeführt wurde. Das
sehen wir auch an der Anbringung seines
Künstlerwappcns oder Steinmetzzeichens,
welches in seiner Form wieder daranf
hinweist, daß wir es mit einem Bild-
h a n e r und feinem Maler zu thun
haben.

In unserem Fall ist eben ausnahms-
weise einmal ein Bildhauer der Unter-
nehmer gewesen, was nichts Auffallendes
ist, da er auf eigene Kosten und zum
Heil seiner Seele den Altar gestiftet hat.
Wir wissen ja auch von Syrlin, daß
derselbe ill's Wengenkloster und an ver-
schiedene andere Orte, z. B. nach Zwie-
falten, Ochsenhansen, Lorch, Altarwerke
geliefert hat. Sein Antheil an dem be-
rühmten Hochaltar in Blaubeuren ist
leider lioch nicht sicher gestellt, man be-
zieht aber eine Inschrift an dem sog.
Levitenstuhl ans den Hochaltar, welche
lautet:

Sürlin artificis nornen
ex-tolere quia velis
Figuris deificis pinxit
qui dominum de celis 1496.

Wir hätten damit ein Beispiel dafür,
daß derartige Inschriften nicht immer für
die Stelle, an welcher sie angebracht sind,
zeugen, sondern daß solche auch für daneben
stehende Kunstwerke Bezug haben können.

In der Art ließe sich leicht die In-
schrift am Pfingstfest der Berliner Tafeln
erklären. Ich möchte aber lieber an eine
spätere Ueberarbeitung oder irgend eine
Spielerei denken. Eine genaue Unter-
suchung der Schriftcharaktere und ein
Vergleich mit der Ulmer Schrift am
Karg'schen Altar dürfte erst Licht in die
Sache bringen.

Vorerst kennen wir Multscher nur als
Bildhauer, an einen Maler ist so
lange nicht zil denken, bis urkundliche
Zeugnisse vorliegen. Unsere bisherigeil
Forschungen lassen mit großer Wahr-
scheinlichkeit erkennen, daß Multscher eine
Werkstätte inne hatte, worin er auch
Maler beschäftigt hat. Die große
stilistische Verschiedenheit der Stertzinger
lind Berliner Tafeln weisen das über-
zeugend nach. Ein Bildhauer kann nicht
zugleich Maler sein, das bedingt schon
die ganz verschiedene Technik und die Art
und Weise des Betriebes. Wer die herr-
lichen Figuren des Stertzinger Altars ge-
schnitten hat, dem wird inan nicht zn-
nnithen, zugleich der Verfertiger der ohne
alles Verständnis; für Plastik und Pro-
portion gemalten Figuren ans den Ber-
liner Bildern zu sein.

Antonius der Einsiedler.

Eine legendarisch - ikonogrnphische Stndie.

Von Johannes D a in r i ch in M ü n ch c n.

(Fortsetzung.)

Die insicirten Körpertheile der von der
Krankheit Befallenen wurden feuerroth,
begannen brandig abzusterben und abzn-
faulen und gaben einen entsetzlichen Ge-
ruch von sich. Viele Leute starben weg,
andere hieben sich die Gliedmaßen ab,
damit die Krankheit nicht weiterfresse,
allenthalben sah nran in den Straßen
lind Kirchen ganze Schaaren solcher elender
Krüppel'). Die moderne Wissenschaft
vernluthet, es habe sich dabei um Ber-
giftlmg durch sogenanntes Mutterkorn ge-
handelt, jene Zeit wußte sich das schreck-
liche Uebel nicht anders, als durch teuf-
lische Einflüsse entstanden zu erklären.
„Höllisches Feuer", auch „heiliges Feuer",
„ignis sacer" nannte es das Volk, man
wollte kurz vor Ausbruch der Seuche
einen feurigen Drachen durch die Luft
haben fliegen sehen-).

Guerin, der Sohn eines vornehmen
französischen Ritters, suchte und fand durch
die Fürbitte St. Antons bei dessen Ne-
lignien Heililng voll seinen Leiden und er
lind sein Vater beschlossen nun, wie sie
gelobt, sich von nun an der Pflege der

') Buzelinus, annales Gallo-Flandriae 1. TV.
2) Buzelinus et. ft. O.
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