Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 9
DOI Heft: 10.11588/diglit.15935.2
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15935.5
DOI Seite: 10.11588/diglit.15935#0017
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1902/0017
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
— 9

vom heiligen Feuer Verstümmelten zu wid-
men. Sie bauten ein Spital und sammelten
Gesinnungsgenossen. Das waren die An-
fänge der Antoniergenossenschaft,
die 1297 von Bonifaz VIII. zu einem Orden
erhoben wurde, der die Augustinerregel
annahm. Das Hauptabzeichen des Ordens
war ein blau emaillirtes T, das auf der
dunklen Ordenstracht getragen wurde. Der I
Orden, dessen segensreiche, zeitgemäß-so- !
ziale Wirksamkeit allgemeine Anerkennung
fand, breitete sich bald weit ans und kaur
zu hoher Blüte.

Zn Deutschland war die wichtigste
Niederlassung Jsenheim ini Elsaß, eine
Zweigniederlassung war auch in Mem-
nnngen. Das Hauptkloster blieb immer
in 3t. Oickier la Motte. Da die Ent-
wicklung des ikonographischen Charakters
des hl. Antonius auf's engste mit dem
Antonierorden zusammenhängt, so dürste
cs nicht uninteressant sein, etwas näher
auf denselben einzugehen, zumal er eine
eigenartige Seite mittelalterlichen Lebens
repräsentiert. Die Antoniter gewannen
den Unterhalt für sich und ihre Kranken
durch öffentliche Sammlungen, die sie
durch Brüder ihres Ordens im ganzen
Land vornehmen ließen. Um sich die
mächtige Fürbitte St. Antons und seinen
Schutz für Mensch und Vieh zu sichern,
gab das Volk gern, ganze Gemeinden
verpflichteten sich zu gewissen, jährlich zu
zahlenden Beiträgen. In einer Münchener
Handschrift (dm 5681), aus dem Kloster
Diesseu stamniend, findet sich eine deutsche
Predigt aus dem 15. Jahrhundert, worin
ein Pfarrherr seine Gläubigen mahnt,
dem nächstens kommenden Antonierbruder
die gelobten Zinsen 51t bezahlen. Er er-
innert sie, daß die Mönche des „durch-
lüchtenden fürsten" des hl. Antonius
„vil klöster und spitäl" haben, „da man
alle sichen in muß nemen, die do sind
geplegent mit den peinliche erschroykenlichc
plegen fand Anthony der man sprächet
das heilige stier", daß man dort an diesen
vollbringen müsse „die sechs werke der
erbarmherzikeit", und zwar geschehe dies
„zu sriburg zu poßdors zu alezey zu frank-
fnrt zu kolleit zu brüten zu ponthamose
zu grünenberg und anderswo". Der
stationirende Antonierbruder pflegte eine
Reliquie seines Ordensheiligen mit sich zu

führen, auch war, wie aus oben citirter
Handschrift hervorgeht, den: Volk dabei
Gelegenheit geboten, Ablässe zu gewinnen.
Eine eigeuthümliche Art des Almosens
an den Antonierorden bestand darin, daß
man in manchen Gemeiuden, so z. B. in
Memmingen, Regensburg rc. *) für diesen
Orden ein Schwein auf öffentliche Kosten
unterhielt, das „Antony-Schmeiu", „Tönl-
schmein",* 2) das durch eine am Hals be-
festigte Glocke kenntlich gemacht, frei durch
die Straßen der Stadt oder des Dorfes
lief und sein Futter suchte.

Die Emsigkeit der kollektionireudeu Au-
tonierbrüder hielt sich tibrigens vielfach
nicht in den richtigen Schranken. So
verfügt das Provinzialkonzil von Mainz,
die Hospitalbrüder des hl. Antonius sollen
nicht selbst, sondern durch die Ortsgeist-
lichen ihre jährlichen Sammlungen an-
kündigen, und zwar schlicht und einfache
„ohne daß dieserhalb geläutet oder darüber
gepredigt werde".3) Ebenso verbietet Erz-
bischof Wigbold von Köln im 13. Kapitel
seiner Diözesaustatuten dergleichen Samm-
lern überhaupt „pulsare companulos
manuales pervicos neque in eedesia“.4)
Das kleine Handglöcklein, womit sich der
Antonierbruder auf den Straßen und
Plätzen bemerklich machte, war eines seiner
Hauptcharakteristika. In satirisch ver-
zerrter, aber immerhin kulturgeschichtlich
interessanter Weise schildert der Schuster-
poet von Nürnberg, Hans Sachs, in seinem
Schwank: „Der Pfarrherr mit beut Stacio-
nierer" das Auftreten eines solchen An-
touiers:

„Der mönich aufs die cautzel tratt
und inacht sein gleißnerisch parat,
nach dem sein sew-predig anfing
erzelt vil wunderbarer ding
wie sankt Anthoni durch sein güt
die fern so gnediglich behüt
vor den wolffen und der kranckheit
so bey den säwen sich begeyt
Welch bawrn ir opfer geben gern
und in seiner bruderschaft wer».

Welch bawrn nit zinst noch opfer geben
der sew würns jar nicht überleben....

') Schmeller, „Bayer. Wörterbuch", s. unter
„Antonius".

2) Schmetter a. n. O.

3) Citirt bei Evelt a. n. O.

4) Citirt bei Evelt.
loading ...