Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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Aber der Vorgang des Kirchenraths
Dursch war doch nicht ganz umsonst; auch
andere Leute suchten und fanden. Ueber
eine Memminger Werkstätte veröffent-
lichte Presse! (1877) zwei Namen: Hein-
rich Stark und Hans D a b r a tz h a u s e r
um 1501, beide Plastiker in Holz; ihr
Werk ist das Chorgestühl daselbst. Vor-
her schon hatte Weltmann (1870) den
„Meister der Sammlung Hirscher" als
provisorische Bezeichnung für eine Anzahl
Gemälde aufgestellt und Bode glückte es
1881, den wirklichen Namen desselben,
Bernhard Striegel, ebenfalls von M e m-
m in gen, an einem Gemälde in Berlin
vorzufinden. Dieser Meister war aber
nur ein jüngeres Glied einer ganzen
Familie von Malern, die bis in die erste
Hälfte des 15. Jahrhunderts hinauf
reichte, wie durch Bischer nachgewiesen
wurde. Werke aus dieser Familie haben
ihren Weg nach Graubünden gesunden.

Sodann wird von Rahnerwähnt (1876)
Jakob Rueß als Verfertiger des Altars
in Chur, und Roder fand (1886) für den
gleichen Meister eine Urkunde über das
Schnitzwerk desselben in Ueberlingen.
Seine Werkstätte befand sich in Ravens-
burg um 1490.

Sodann gesellte sich Hans Lutz von
Schussenried zu der Reihe der Archi-
tekten, die um 1500 lebten, obwohl seine
Arbeit ihn nach Botzen rief, woselbst er
(anfangs unter der Leitung seines Gön-
ners Burkhart Engelberger, später selb-
ständig arbeitend) den Thurm der Kirche
erbaute. In neuester Zeit hat sich auch
noch Kunde ergeben von Matthias Miller
aus Lindail (1502), von denl ein Altar-
werk nach Zürich gekommen ist.

Das ist nun eine so stattliche Anzahl
von Werkstätten, deren Existenz nicht blos
durch Namen, sondern auch durch noch
bestehende Werke gesichert ist, die aber
zugleich liach Zeit und Railm einander so
nahe gerückt sind, daß man dieselben als
Verzweigungen einer bedeuten-
den Werkstätte aufzufassen berechtigt
ist; aber man befand sich längere Zeit in
einiger Verlegenheit, wohin dieselbe zu
verlegen sei. In Ulm bestanden die Werk-
stätteil des Jörg Syrlin (Dreisitz im
Münster 1468, Chorgestühl daselbst 1469
bis 1474) und als älteste Malerwerkstätte

die des Hans Schüchlin 1469 (Altar in
Tiefenbronn); für Ulm sprach ferner auch
die Bedeutung als Handelsstadt.

Daß diese Stadt niit den benachbarten
kleineren Reichsstädten und mit der ge-
summten Landschaft, besonders in der
Richtung nach Süd und Südwest, in
dauernder lebhafter Fühlung stand, dafür
zeugen nicht blos die mannigfaltigen Bünd-
nisse in politischen ilnd religiösen Ange-
legenheiten, sondern auch der außerge-
wöhnliche Umstand, daß das kanonische
Patronatsrecht der dortigen Pfarrei im
Besitz des Klosters auf der Reichenau
(Bodensee) seit unvordenklichen Zeiten sich
befand. Aber es lag doch kein wirklicher
Beweis vor, daß in Ulm die Ausübung
der Malerei und Holzschnitzerei einen der
Zeit nach bemerkenswerthen Vorsprung
voraus gehabt hätte; hier gieng offenbar
M em min g e n voran, das mit der älteren
Generation der Striegel'schen Familie in
die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts
hineinreicht. Auch fanden die Arbeiten
aus dieser Stadt frühzeitig Absatz bis
nach Graubünden.

Wohl waren in Ulm archivalische Nach-
richten und eine Inschrift seit längerer
Zeit schon bekannt, daß ein Meister Hans
Multscher, gebürtig aus Reichenhofen,
1427 als Bürger ausgenommen wurde,
1433 den Karg'schen Altar erstellt habe
und ungefähr 1467 dort gestorben sei;
aber es war noch nicht gelungen, ein er-
haltenes Werk desselben aufzuweisen, um
über die Qualifikation seiner Werkstätte
sich ein Urtheil bilden zu können.

Dieser Unsicherheit wurde auch dadurch
noch kein Ende gemacht, daß Custos C.
Fischnaler in Innsbruck das Werk eines
Hans Multscher bekannt machte 1884, das
derselbe 1457 für die Kirche in Sterzing
(Tprol) lieferte. Lübke, Atz, Bischer hatten
sich nemlich dahin ausgesprochen, daß dieser
Hans Mnltscher in Innsbruck seinen Wohnsitz
gehabt haben müsse. Erst 1893 sprach der
genannte hochverdiente Forscher seine Ueber-
zeugung aus, daß nach Maßgabe der Doku-
mente der Altar in Sterzing ein Werk des
Ulmer Hans Multscher sei.

Sobald nun diese Nachricht, wenn auch
nur in Form einer ganz kurzen Notiz,
durch den „Allgäuer Geschichtsfrennd" in
unsere Gegend gelangt war, wurde die
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