Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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widerstandslos tragen zu lassen, und doch
wieder nicht kraftvoll genug, mir sich von
ihr völlig zu enrauzipiren, zu sehr begeistert
für die Ideale der Kunst, um sich au
Trivialitäten oder au den Geschmack des
Publikums wegzuwerfen, und andrerseits
zu sehr behindert in der Kunst der Dar-
stellung, um das Empfundene immer in
eine dem Schwung der Ideen entsprechende
Form zu kleiden. Aber eben die Größe
seiner Ideen stellt ihn den edelsten unter
den Künstlern seiner Zeit würdig an die
Seite, und die Vornehmheit, mit der er
sie in seinen guten Stunden wiederzugeben
verstand, hebt ihn über die meisten seiner
Genossen hinaus. An Ernst und Tiefe
der Erfindung überragt er die meisten
seiner Zeitgenossen. In der Zeichnung
hat er stellenweise die höchste Schönheit
der Linienführung erreicht und in einzel-
nen koloristischen Anläufen steht er allen
voran. Und wenn ihn auch ein Zug ab-
lehnender Art vor der Zeit 511111 einsamen
Mann machte, so ist und bleibt er doch
den Späteren eine sympathische Erscheinung
durch sein Interesse auch für das, was
sich mit seinem Berufe nicht direkt berührte,
durch die Wärme, mit der er den mühsam
erstrittenen Glauben umfaßte, und die Be-
geisterung, mit der er dem deutschen Vater-
land anhing. Muß man bei der Beur-
theilung seiner Kunst aus den oben ge-
nannten Gründen das eine oder andere
Mal Konnivenz üben, bei der Werthung
seines Charakters braucht man das nicht.
Er war ein Mann.

Antonius der Einsiedler.

Eine legendarisch - ikonographische Studie.

Von Johannes D a in r i ch in M ü n ch e n.

(Schluß.)

Den umfangreichsten Cyklus aus der
Legende St. Antons enthält ein wohl aus
den Niederlanden stammendes Gemälde
eines unbekannten Meisters um 1500. ')
In einer großen, abwechslungsreichen Land-
schaft mit Bergen, Thälern, Fluß und
Meer sehen wir folgende Scenen, theil-
weise allerdings miniaturartig klein ge-
malt: Antonius tritt ans dem Thor eines
(durch das T-Kreuz auf den Giebeln kennt-
lichen) Antonierklosters, zwei Wölfe be-

') Alte Pinakothek München Nr. 124.

! gleiten ihn; aus dem Gebüsch tritt ihm
i der Centaur entgegen; der Satan in Ge-
stalt eines Jägers spannt ein Netz über
den Weg; aus einem umbuschten Wasser
tauchen nackte Frauengestalten auf, die
dem Helligen winken; die teuflische Königin
in ihrer Kammer will ihm das Ordens-
gewand abziehen; mehrere Teufel prügeln
ihn in der Luft, während Christus von
oben zusieht; St. Paulus in seiner Zelle;
Begrüßung der beiden Einsiedler; beide
sitzen im heiligen Gespräch an der Quelle,
während von oben der Rabe das Brod
bringt (diese Darstellung bildet den Mittel-
punkt und Hauptgegenstand des ganzeil
Gemäldes); St. Anton begräbt den Paulus
mit Beihilfe zweier Löwen; zwei gehörnte,
schön gekleidete Frauen stehen vor ihm
und bieten ihm einen Pokal und einen
gefüllten Beutel an, während die Teufel
seine Hütte verwüsten und verbrennen; er-
liegt auf den Feuerbränden und ladet die
vor ihm stehende „Jungfrau" auf sein
Lager zu sich ein; der Heilige vor der
feurigen Statue; sein Begräbniß; der
Kaiser schlafend, ein Engel bringt ihm
Botschaft; ein Bischof und mehrere Priester
auf dem Weg zum Grab des Heiligen;
sie werden vor beut Kloster desselben em-
pfangen ; die Antoniermönche bei Tisch;
die beiden Löwen bringen das Brod;
während die Messe gelesen wird, erscheint
der Engel; die Gesandtschaft betend, wäh-
rend ein Engel vom Himmel ihnen nähere
Kunde bringt; die von Teufeln bewohnte
Insel, an der die beiden Schiffe vorüber-
fahren.

Einige fortlaufende Scenen aus dem
Leben des Heiligen bietet die Umrahmung
zu dem prächtigen Antoniusbild im Bre-
viarium Grimani. Im heimlichen Waldes-
dämmerschein sehen wir den Klausner über
sein Buch gebeugt, zwei Wölfe stehen vor
ihm und scheinen ihn zum Mitgehen anf-
zufordern. Dann schauen wir ihn, wie
er, eine gebeugte, gebrechliche Gestalt, an
zwei Krückstöcken mühsam durch den Wald
sich fortbewegt, da tritt ihm ein vornehm
aufgeputztes schönes Weib entgegen und
will ihm einen Pokal darbieten, dessen
Gold verführerisch durch's Waldesdunkel
gleißt.

Unfern davon liegt eine Silberschale
und ein Becher. Endlich sehen wir St.
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