Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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den seltsamsten Spuckgestalten erfüllt: kleine
Kerle mit Entenschnäbeln, Vogelfüßen, Ske-
lettköpfen, Insekten, Gewürm; das surrt
und watschelt und rennt und hüpft und
flattert, die tollsten Gebilde der mittel-
alterlich-gothischen Drolerieen sind hier
wieder zum Leben erwacht — furchtsam
wendet sich der Anachoret halb gegen die
höllische Schaar um, und zitternd sucht er
sich durch das Krenzzeichen zu schützen.

Die „Versuchung St. Antons" des be-
rühmten Höllen-Breughel ist der des
Bosch sehr ähnlich, sie überbietet dieselbe
nur noch an toller Phantastik. Hier ragt
eine prächtige Stadt im Hintergründe, in
einer phantastischen Halle thront ein König,
Erde, Luft und Wasser sind mit den aben-
teuerlichsten unglaublichen Gestalten be-
völkert.

Ihren Höhepunkt erreicht die Phantastik
in dem Bilde von Teniers (im Berliner
Museunl). Aber Teniers' Spuckgestalten
vermögen uns, so raffinirt sie gemalt sind,
doch kein rechtes Interesse abzugewinnen,
sie entbehren der inneren Wahrheit, Teniers
glaubt selbst nicht an sie, und so wirkt
das Ganze nicht gespenstisch, sondern höch-
stens als ein ziemlich kindischer Mummen-
schanz.

Den bekannten Kupferstich von Callot
hat man einen wüsten Champagnerrausch
genannt. Da rücken ganze Compagnieen
teuflischer Gestalten auf den Heiligen los,
eine höllische Artillerie feuert ihr Geschütz
auf ihn ab, die Luft ist erfüllt mit feuer-
speienden Drachen, fliegenden Hunden,
Fischen, Vampyren, die Erde mit geradezu
scheußlichen Kerls, die selbst das Schwein
des Heiligen in nicht näher zu beschreiben-
der Weise plagen. Alles in Allem: maß-
los, übertrieben, abstoßend!

Verlassen wir das Thema der „Ver-
suchung des hl. Antonius" und wenden
uns zu den Darstellungen des Heiligen
als Einsiedlers, so wäre hier unter An-
derem zu erwähnen ein prächtiges Flügel-
gemälde des bayerischen Nationalmuseums,
das uns St. Anton in seiner Einsiedelei
zeigt, umgeben von aller Art Waldgethier,
das traulich um ihn spielt. Auch die aus-
gezeichnet lebensvolle Darstellung des Bre-
viarium Grimani gehört hierher.

Die gemüthvollste Schilderung des Hei-

ligen als Einsiedlers gibt unser Dürer in
dem bekannten Kupferstich, wo Antonius,
eifrigst lesend, am Boden sitzt, neben ihm
steckt der Kreuzstab mit dem Glöckchen
daran, im Hintergrund baut sich in präch-
tiger malerischer Wirkung das alte Nürn-
berg auf mit Mauern und Thürmen,
Wall und Stadtgraben.

Als Einsiedler wird Antonius gern zu-
sammen mit Hieronymus und Maria
Magdalena dargestellt, so in dein Bilde
von St. Lochner in der Münchener Pinako-
thek. Auf dem großen Gemälde von C.
Sarazeni') ist noch Franz von Assisi bei-
gefügt.

Die Darstellungen St. Antons als
Teufelsbekämpfer wurden oben be-
sprochen, als Teufelsbesieger charak-
terisirt ihn der „Meister des Marien-
lebens", resp. ein Künstler seiner Schule, * 2 *)
er zeigt den Heiligen, wie er, die Schelle
und eine brennende Strohfackel in einer
Hand, den Krückstock in der andern, den
Fuß auf einen häßlichen Teufel setzt. Das-
selbe Sujet bietet ein Kupferstich von Israel
v. Meckenem.

Ziemlich häufig sind gegen Ausgang des
Mittelalters die Darstellungen Antons als
Patron gegen das „heilige Feuer".

So der bereits oben erwähnte Metall-
schnitt, °) wo außer dem bittenden Mann
mit der brennenden Hand und dem Bauern
mit dem Schwein auch die Hände und
Füße bemerkenswerth sind, die über dem
Heiligen, resp. seinem Bilde hängen. Es
sind dies entweder wächserne Nachbildungen
der betreffenden Gliedmaßen oder aber
sind es die abgedorrten wirklichen Glied-
maßen solcher, die nach Verlusteines Fußes,
einer Hand, durch St. Antons Fürbitte
vom heiligen Feuer geheilt wurden. In
demselben T. O. Weigel ist unter Nr. 329
ein Schrotblatt geschildert: „Vor Antonius
lodert aus einer großen Strecke des Fuß-
bodens Feuer empor." Die gleiche Auf-
fassung bietet das „Livre d’heures de la
reine de Bretagne",4) wo ebenfalls zu
Füßen des thronenden Heiligen unter

') München, A. Pinak. Nr. 1161.

2) München, A. Pinak. Nr. 38.

b) In T. O. Weigel, „Anfänge der Buch-
druckerkunst".

4) rag. 388.
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