Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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Liichornsspuren.

Von Pfarrer Reiter.

Im „Archiv" wurde einmal das Ansuchen ge-
stellt, nach den verdächtigen Urthieren des Physio-
logus zu fahnden und dieselben im Betretungs-
falle an das Bestiarium der Redaktion einzu-
liefern. Im Sinne dieser Bitte haben wir seit
einiger Zeit verschiedene Reviere durchstreift und
namentlich nach dem Einhorn gefahndet. Was
wir hiebei gefunden, ist ziemlich unbedeutend;
doch dürfte der guten Sache ein kleiner Dienst
erwiesen werden, wenn wir das Gefundene zu-
sammenstellen und im folgenden vorführen:

Das Einhorn, an dessen wirtliche Existenz jetzt
wohl niemand mehr glaubt, hatte schon im
frühesten christlichen Alterthum eine äußerst denk-
würdige symbolische Bedeutung. Zunächst galt
sein Horn als Symbol des Kreuzes Christi
(,,Et erexit cornu salutis nobis“ Lukas 1, 69)
und man erzählte von ihm, daß es Wunden heile
und das Gift unschädlich mache. Diese Sym-
bolik spielt in unserm Lande bei der Darstellung
des Einhorns auf dem aus Alpirsbach oder
Hirsau stammenden Taufstein der protestantischen
Kirche zu Freudenstadt, über dessen Bildwerk der
verewigte Stadtpfarrer Keppler im Jahre 1889
geistreiche Artikel geschrieben.

In denselben wurde auch die für die gedachte
Darstellung bedeutungsvolle Stelle aus dem
Physiologus angeführt, ivelche also lautst: „Die
Thiere kommen zum Wasser und wollen trinken.
Die Schlange aber hat das Wasser vergiftet. Da
warten sie, bis das Einhorn kommt. Dieses be-
gibt sich sofort in den Teich hinein und bezeichnet
durch sein Horn den Wasserspiegel mit dem
Zeichen des hl. Kreuzes und macht dadurch das
Gift zu Nichte. Nun können alle daraus
trinken."

Man könnte erwarten, daß es bei uns noch
mehrere Taufsteine gebe, ivelche gleich dem in
Frendenstadt das fabelhafte Einhorn aufweisen,
allein dem ist nicht so. Der etwa noch in Be-
tracht kommende Taufstein zu Klein-Bottwar zeigt
nur einen Pferdekopf, und dieser ist als Wappen
der Herren von Plieningen zu deuten. Auf die
Heilkraft deö Einhorns weisen sonst nur noch hin
die mit dem Bilde des Wunderthieres geschmückten
Schilder der Apotheken, wie eine solche Einhorn-
apotheke ehedem auch in Rottenburg anzutreffen
war. fOberamtsbeschrcibung I S. 461.)

Wurde ursprünglich nur das Horn des Ein-
horns zu Christus in Beziehung gebracht, so ver-
lor sich nach und nach diese Symbolik, insofern
man anfieng, das ganze Thier als Sinnbild
Christi, des starken Siegers über Tod und Hölle,
zu betrachten. Hiebei wurde die Sage, daß sich
das Einhorn nur von einer Jungfrau fangen
lasse, in der ergiebigsten Weise verwerthet, so daß
sich daraus die sogen. Jagd des Einhorns ent-
wickelte. Dreves 8. ). schreibt hierüber in den
„Stimmen von Maria-Laach" (Jahrgang 1892,
Heft 6, S. 66): „Eine der ausgesponnensten
symbolischen Darstellungen der christlichen Kunst
des Mittelalters ist die sogen. Jagd des Ein-
horns. Während uns andere Symbole ein
einziges konventionelles Zeichen bieten, unter
welchem irgend eine Idee, Person oder That-

sache lebendig uns vor Augen tritt, eine Hiero-
glyphe, dem Adepten, aber auch nur ihm ver-
ständlich, wird uns in der Jagd des Ein-
horns eine ganze allegorische Reihe, ein symbo-
lisches Tableau, eine hieroglyphische Scene ent-
rollt, in welcher die Symbolik einen ihrer schönsten
Triumphe feiert. Bei der Vorliebe des christ-
lichen Mittelalters für diese ebenso tiefsinnige
als volksthümliche Geheimsprache kann es nicht
Wunder nehmen, wenn gerade diese Darstellung
sich einer besonderen Gunst erfreute, nicht nur
der darstellenden Künstler, sondern auch des
Volkes, dessen Verständnis oder Mangel an Ver-
ständnis ja von jeher leider einen nur zu wirk-
samen Einfluß auf die Jünger der Kunst geübt
hat und noch übt."

Ausführlich ist die der Jagd des Einhorns
zu Grunde liegende Idee (nach Or. Eckel findet
man die Allegorie auf italienischen Gemälden
oder Stichen nicht, ausgenommen einen Stich
nach Guido Reni) geschildert in dem schönen Lied:
„Der geistliche Jäger", von welchem wir die wichtig-
sten Strophen in der Fassung des Direktors Beez
hier mittheilen wollen; sie lauten:

1. Es wollt' ein Jäger jagen,

Wollt' jagen in Himmels Höh'n;

Was fand er auf der Haiden?

Maria, die Jungfrau schön!

2. Der Jäger, den ich meine,

Der ist uns wohl bekannt.

Der jagt das edle Einhorn:

Gabriel ist er genannt.

3. Er führt in seinen Händen
Vier Windspiel schnell und leis,

Eins grau, das and're leibfarb,

Eins falb, und eins schneeweiß.

(Die Farbe meist nach der Farbe der Rosse
beim Propheten Zacharias 1, 8.)

4. Gerechtigkeit und Wahrheit,
Barmherzigkeit und Fried;

Das Einhorn ist Herr Jesus,

Der unser Heiland ist.

5. Er jagt das edle Einhorn
Mit seinen! Windspiel,

Er jagt es einer Jungfrau,

Maria in den Schoß.

6. Der Engel blies sein Hörnlein,

Das lautet also wohl:

Gegrüßt seist du Maria,

Bist aller Gnaden voll.

7. Gegrüßt seist du Maria,

Du edle Jungfrau fein,

In Kraft des heil'gen Geistes
Sollst Gottes Mutter sein.

8. Maria, die viel Reine,

Fiel nieder auf die Knie,

Dann bat sie Gott vom Himmel:

Sein Will' gescheh' allhie.

9. Sein Will' der soll geschehen,

Ohn' Pein und sonder Schmerz,

Empfieng dann Jesum Christum
In ihr jungfräulich Herz.

10. O heilige Maria!

Nun bitt' für uns dein Kind,

Daß es uns wolle gnaden,

Verzeihen uns're Sünd'!

Fragen wir nun, ob sich bei uns Spuren der
Jagd des Einhorns finden, so können wir nicht
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