Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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ijetabe mit einem vollen In antworten, dech sind
wir in der Lage, wenigstens ein paar Darstel-
lungen namhaft zu machen. Zuerst nennen wir
das geschlagene Metallbecken von Kirchentellins-
furth, auf welchem Maria das Einhorn streichelt
(Mariä Verkündigung). (Das geschlagene Messing-
becken in der Stiftskirche zu Tübingen mit dem
Bilde des Einhorns auch Mariä Verkündigung?)

Sodann können wir Hinweisen auf das Kloster
Maulbronn, wo man an der westlichen Docke der
Stühle ans der Epistelseite die heilige Jungfrau
mit dem Einhorn erblickt. (Vergleiche auch Kloster
Schönau bei Heidelberg.) Wie uns von Herrn
Lehrer Buhl in Colmar mitgetheilt wurde, sollen
sich noch zwei hierher gehörige Bilder in Stutt-
gart und Cannstatt befinden, eines im Besitze
der Familie Tobler, und das andere im Besitze
des Grafen Kuno v. Uxkull-Gyllenband. Letzteres
— eine aus dem Elsaß (Odilienberg) stammende
vortreffliche Nadelarbeit — sei im Jahre 1876 in
München ausgestellt gewesen und stimme ganz
mit dem von Martin Schongauer aus Colmar ge-
malten Bilde der Einhornjagd überein.

Inwieweit die Wappen einzelner adeliger Ge-
schlechter oder hervorragender Familien (ver-
gleiche unten) mit der Jagd des Einhorns bezw.
den Weihetiteln einzelner Kirchen in Zusammen-
hang gebracht werden können oder müssen (auch
Ritterbund Eingehörne sei genannt), entzieht sich
unserer Kenntniß. Doch wollen wir gleich hier
ein paar interessante Vermuthungen in Kürze be-
rühren. Die von Reifen (Neuffen) führten drei
silberne Jagdhörner in ihren: Wappen und Mone
vertritt die Meinung, daß man die Entstehung
dieses Wappens nicht blos auf die Belehnung
mit dem Jägermeisteramte, sondern auch auf
die Einhornsjagd zurückführen könne; der Name
Reifen selbst dürfte von dem Wort Nympharius
abznleiten sein, mit welchem in der kirchlichen
Kunst der heilige Erzengel Gabriel bezeichnet
wird. Ebenso sei die Möglichkeit vorhanden,
daß die drei Hunde auf dem Schilde der Hund-
bis von Waltram, welche aus Ravensburg stammen,
die drei Hunde der Einhornjagd wären, bei
welcher allerdings auch vier (vergleiche das Lied),
bisweilen sogar sieben Hunde (die sieben Gaben
des heiligen Geistes) Vorkommen. Vielleicht ge-
hört auch noch hierher das Wappen der Dürner
von Dürnau, OA. Göppingen, das ein Jagdhorn
zeigt und eine außerordentliche Schnur, welche
fast an eine Stola erinnern will (v. Alberti's
Wappenbuch S. 140).

Wenn an der Basis des Sakramenthäuschens
zu Waldulm von etwa 1480 das ruhende Ein-
horn in Relief angebracht ist, so muß das nicht
beweisen, daß früher daneben die Figuren von
Mariä Verkündigung angebracht gewesen sind.—
Weil die Sage das Einhorn sich zu einer Jung-
frau flüchten läßt, wurde dasselbe zum Symbol
der Jungfräulichkeit und Keuschheit. Auf Minia-
turen zu Dresden fährt die Keuschheit auf gol-
denem Wagen mit Einhörnchen. (Menzel, Christl.
Symbolik S. 281.)

Als Symbol der Jungfräulichkeit ist das Ein-
horn Attribut der hl. Justina, der hl. Agatha
und der hl. Klara von Assisi. Hiebei sei jedoch
eine Frage gestreift. Wenn nemlich das Ein-
horn ohne weiteres als Symbol der Jnngfräu-

l —

lichkeit aufzufassen ist, wie hat man es dann zu
erklären, daß dieses Attribut so selten bei Jung-
frauen vorkommt? Ist nicht am Ende die An-
nahme berechtigt, daß in den Fällen, wo es den
Heiligen beigegeben wird, noch andere Ideen
durchschimmern sollen, so z. B. bei St. Justina
die Idee der Taufe, bei St. Agatha die Idee
ihrer wunderbaren Heilung durch einen Engel?
Die Annahme, daß es sich möglicherweise um die
Andeutung einer wunderbaren Heilkraft handeln
könnte, dürfte einen Stützpunkt finden in dein
Umstande, daß auf einem Pfennig der Sebastians-
brnderschaft in Waldsee neben St. Sebastian ein
Einhorn angebracht ist (Beck, „D.-A.", Jahrgang
1896, S. 181). Wie St. Agatha in wunder-
barer Weise geheilt wurde, so kam bei St.
Sebastian eine merkwürdige Heilung vor, hier
wie dort wirkte der himmlische Arzt, an welchen
das fabelhafte Thier mit seineni heilkräftigen
Horn erinnern mag.

Setzen wir unsere Streife fort!

Bekannt ist das Sophoklei'sche Wort vom ge-
waltigen Menschen:

„Ob die Welt an Wundern reich.

So ist doch kein Wunder gleich
Dir, o Mensch, dem wunderbaren."

Aber gewaltiger als der wunderbare Mensch ist
der vordem Herrn schreitende oder reitende Tod, und
als Symbol desselben erscheint bisweilen auch
das unbezähmbare mächtige Einhorn. In Menzels
christlicher Symbolik finden wir hierüber bei dem
Worte Bautn folgende Sätze: „Rach dem alt-
deutschen Gedicht Barlaam und Josaphat von
Rudolf v. Montfort und in den gestis Romano-
rum Nr. 168 macht Barlaam vom menschlichen
Leben folgendes Bild: Ein Mensch fürchtet sich
vor einem Einhorn und fällt in einen Abgrund.
Ta hält er sich an einem Baume, zu dessen
Füßen aber lauert in einem Brunnen ein Drache
mit offenem Nachen auf ihn, eine weiße und
schwarze Maus benagen des Baumes Wurzel,
daß er wankt, und vier Vipern verpesten die Luft
mit ihrem Athem. Aber oben aus dem Baume
floß Honig, von dem er so viel genoß, daß er alle
Gefahr über der Süßigkeit vergaß, dann aber
in den Rachen des Drachen hinabstürzte. Das
Einhorn ist der Tod, der Abgrund die Welt, der
Baum das Leben, die Mäuse sind Tag itnd Nacht,
die Vipern sind die Elemente, der Honig ist die Ver-
lockung dieser Welt, der Nachen unten die Hölle.
— Im Kloster Lorch in Schwabe» befand sich
ehemats ein Bild, auf dem der Baum mit den
Mäusen ebenfalls abgebildet war, und zwar ganz
so, wie das Bild in Barlaam angegeben ist, mit
dem Einhorn (auf dem der Tod mit gespanntem
Bogen reitet), mit dem Drachen, den Viper»,
dem Honig. Crusius, schwäb. Chronik III. 12, 35.
Dasselbe Bild in einer andern altdeutschen Fassung
bei Laßberg, Liedersaal I. 252." — Das die
Angaben von Menzel. Andere Darstellungen der
berührten Art kennen wir nicht, und so begeben
wir uns vom Kloster Lorch nach Gmünd. Dort
treffen wir auf dem bekannten Salvator einen
Schlußstein mit dem Bilde des Einhorns (Ein-
horn in einem Gewölbeschlußstein zu Mühlbach
in Baden). Man kann fragen, ob hier das Ein-
horn den Erlöser symbolisiren soll, oder ob wir
es mir mit dem Wappen der Stadt Gmünd zu
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