Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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die Gestalten sind trotz des Adels der
Formen und Züge reich individualisirt.
Es war ein guter Gedanke, gerade die
genannten zwei Vorgänge aus dem Leben
Jesu zu wählen. So ist das allerheiligste
Altarssakrament nicht nur der physische,
sondern auch der ideale Mittelpunkt des I
ganzen Werkes. Der Baldachin über der
Netabel birgt ein stilgerecht ausgeführtes,
Altarkrenz mit Kruzifixns. Die vorderen 1
Eckpfeiler sind flankirt von Statuetten des
hl. Paulus und Johannes des Täufers. Sie
haben nur einen Fehler: sie sind dem
Auge zu fern, als daß die treffende Cha-
raklerisirung noch ganz gewerthet werden
könnte. Doch mögen sie immerhin zur
Geltung kommen, wenn mail sie voin
Snppedaneum aus betrachtet. Ein kleinerer
achteckiger Baldachin baut sich auf dem
Dach des ersten ans und ist mit enteilt
einfachen Kreuze bekrönt. Die vier Säulen
mit den Querstangen und dein daran be-
festigten Teppich erbreitern die Basis für
den Hochbau und die vier Engel auf den-
selben vermitteln den Uebergang von der
Breiten- zur Höhendimension. So ist der
Altar nach der praktischen, der ästhetischen
und wenn man will theologischen Seite
eine vollauf befriedigende Arbeit; seiner
Anlage nach nicht verwandt mit den ge-
lnngenen Altären der Stuttgarter Elisa-
bethenkirche und doch aitch wie sie vielleicht
berufen, in das Schablonenhafte des Al-
tarbaus in unserent Land wieder etwas
Abwechslung zu bringen. Den Vorzügen
der Anlage entspricht die Pünktlichkeit der
technischen Ausführung. Professor
Hehl bezeugt der Fabrik, daß sie die Ne-
tabel wie den Ciborienanfsatz nebst den
vier freistehenden Engeln zit seiner „ganz
besonderen Zufriedenheit hergestellt habe".
„Die technische Ausftihrung ist ein Meister-
werk von seltener Vollendung."

Nun komint allerdings noch eilt wich-
tiger Punkt in Frage, nämlich der Kosten-
punkt.

Wir können ihn kurz dahin erledigen:
die Kosten sind selbstverständlich größer, '
als bei Holz- und Steinarbeit oder gar ;
bei gepreßter Dutzendwaare. Dagegen
stehen sie immer noch niedriger als bei
Erzguß. Für arme Kirchen kann die
Galvanoplastik also nicht in Frage kom- i
me». Wo jedoch reichere Mittel vorhan- I

den sind, oder gar ein begüterter Stifter
sich findet, wie es in Steglitz der Fall ge-
ivesen zit sein scheint — denn Se. Eminenz
Kardinal Kopp von Breslau ist schwerlich
bloß seinen Gesichtszügen zu liebe ans dent
Ehrenplatz bei der Hochzeit zu Kana postirt
worden— da kann man an die modernste
der Metalltechniken denken. Ohnehin wer-
den die Kosten insofern einigermaßen redu-
zirt, als der Künstler Details, die öfter
wiederkehren, wie Säulen, Ornamente re.,
nur einmal zu modelliren braucht, wäh-
rend er sie in Holz oder Stein je einzeln
ausführen und damit viel Zeit verlieren
ntuß. Dann aber hat man die Garantie,
daß weder der Holzwurm sich einstellen
kann, noch nach ein paar Jahren oder
Jahrzehnten eine neue Fassung nothwendig
wird. Nur zwei Feinde sind zit fürchten:
der Bildersturm, der nichts schont, und
jene Stilwuth, welche der Stileinheit alles
zuut Opfer bringt oder am Ende gar in
einer Barockkirche stil- und kunstgerechte
Altäre entfernt, nur tun gothische an ihre
Stelle setzen zu können.

Die angeblichen Bilder bjolbein des
Aeiteren im Dom zu Augsburg.

Von Max Bach.

Herr Professor vr. Schröder hat im
vorjährigen „Repertorium für Kunstwissen-
schaft", II. Heft, auf meine Studie im
„Archiv" 1898, 51 ff. eine Entgcgnun'g
gebracht, auf welche ich mir erlaube, Fol-
gendes zu erwidern.

Als ich die ermähnte Abhandlung schrieb,
war mir die Dissertation von Franz
Stoedtner über Hans Holbein den Ael-
teren *) noch nicht bekannt, welche Dr.
Schröder citirt; wäre das der Fall ge-
wesen, so hätte ich noch eilte ganze Anzahl
weiterer Argumente gegen dessen Annahme
ins Feld führen können.

Zur Entscheidung der Frage ist zunächst
nothwendig, noch einmal die ganze Chrono-
logie der über Holbein den Netteren fest-
stehenden Daten uns zu vergegenwärtigen.

In beit Augsburger Steuerregistern,
welche Eduard His2) übersichtlich geordnet

') Hans Holbein der Aeltere, I. Th. 1473—1804.
Berlin 1896.

2) „Jahrbuch für Kunstwissenschaft" IV. Seite
209 ff.
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