Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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Lrgllii des Noticiidiirgei: LiSzcsilil-Bcreiiis siir christliche Kiliist.

kscrausgegeben und redigirt von Pfarrer Dctzel in St. Lhristina-Ravensburg.

Verlag des Rottenburgcr DiZzesail-Aiiiistvereins;

Rommissionsverlaa der Doruscheii Buchhandlung (Fricdr. Alber) in Ravensburg.

Erscheint Nwnlitlich einmal. Halbjährlich siir M. 2.— durch die mnrttsmbergischen, M. 2.02
^ durch die bayerischen und die IieichSpostanstalte». Kronen 2.54 in Oesterreich. FrcS. S.40 in

£ der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden anch angenonnnen von allen Anchhandlutigcn ^OO0

cK*-1'« 3* sowie gegen Einsendultg des Betrags direkt von der Dornschen Verlagsbuchhandlung in S

Ravensburg (Württemberg) zum Preise von M. 2.05 halbjährlich.

Ulaterial zur Aünuneruislegende.

Von Pfarrer Reiter in Vollmaringen.

Die heilige Kümmernis ist das Kreuz
der Archäologen: ihre Legende und ihre
Namen sind so räthselhaft, daß man viel-
fach schon die Hoffnung aufgegeben hat,
Licht in das Dunkel hineinbringen zu
können.

Und bei solchem Stande der Sache sollte
mall sich noch weiter nur die Heilige küm-
mern und sich bemüßigt fühlen, Material
zur Künlmernislegende zusammenzutrageu?

Wir glauben diese Frage bejahen zu
dürfen lind liiöchteu in nachstehendem zu-
erst ans einige Stätten des Kümmernis-
kultes Hinweisen, um uns daun im zweiten
Theil über die Erklärung der fraglichen
Legende zu verbreiten.

Die hl. Kümmernis oder Kumeraua
theilt sich mit dem hl. Gallus in das
Patrollat der Pfarrkirche zu M üh rin ge n.
Seit wann sie dort besondere Verehrung
genießt, kann nicht ermittelt werden. Ihr
Bild wird in den kirchlichen Knnstalter-
thümeru also beschrieben:

„Sc. Cumeranabild, die gefesselten Hände
halten ein Kreuz (ältlich, bartlos), 18. Jahr-
hundert, künstlerisch werthlos; das frühere
Cumeranabild von Mühringen zeigte die
Heilige bärtig mit einer Krone auf dem
Haupt und einem bis zu beit Knöcheln
reichenden Lendenschurz; Abbildung in der
Lebens- ititb Martergeschichte der großen
und Wunder wirkenden H. Cumeranä,
Schirm- und Schntzpatronin in der Pfarr-
kirche zu Mühringen." Konstanz 1764.
— Aus dem Jahre 1764 ftammt auch
das Mühringer Wallfahrtslied („An-

dächtiges, Gesang zu der hl. Kumerana
aus dem Jahre 1764"), welches von
Herrn Lehrer I. B. Neher komponirt
worden ist. Sein Inhalt, welcher uns
freundlich anmuthet, enthält nur wenige
Züge aus der Legende.

Die erste Strophe sei hier mitgetheilt:
„Heilige Kumeran! Laß dir jetzt
stimmen an ein Lobgesang. Auf dieser
Erden, in viel Beschwerden höret man
überall, sonders in Portugal dein Ehren-
klang, dein Ehrenklang." — Erwähnens-
werth ist noch das Kumeranabrünnlein.
Auch über dieses Brünnlein können zu-
verlässige Angaben nicht gemacht werden.
Solange es an Urkunden fehlt, mag man
sogar vermuthen, ob es sich hiebei am Ende
md)t um einen Gallusbrnunen handle,
wie nachweisbar solche da und dort an-
getroffen werden. So sind z. B. in der
Ortenan in Harmersbach, Hofweier und
Ottenheim Kirchen und Brunnen dem hei-
ligen Gallus geweiht.') — Der Kirchen-
patron St. Gallus stanunt von dem Kloster
St. Gallen, welches ehedem in Mühringen
Besitz hatte. Dasselbe Kloster war auch
in Deilingen, OA. Spaichingen, begü-
tert, welches wir als zweite Stätte des
Kumeranakultes anfügen. Die Pfarr-
kirche zu Deilingen ist jetzt der Imma-
culata geweiht; aber es kann keinem
Zweifel unterliegen, daß sie früher einen
anderen Patron oder eine andere Patro-
nin gehabt haben muß, etwa St. Gallus
oder einen Benediktinerheiligen und viel-
leicht auch die hl. Kumerana? Ein Bild

>) Möglich, daß das Kumeranabrünnlein den
Worten Christi entsprungen: ,,Si quis sitit, venint
ad me et bibat“. Joh. 7, 37.
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