Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 52
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darüber, daß ich als Maler von Fach be-
streite, in den Köpfen der Dombilder ir-
gend welchen Nnturalismns zu finden;
das war insofern nicht ganz richtig aus-
gedrückt, weil wirklich einzelne Köpfe, die
ich für Porträts halte, offenbar nach dem
Leben gemalt sind, vor allen jener junge
Mann im Hintergrund bei der Darstellung,
links wib der alte bartlose Männerkopf
zwischen Maria und Joseph, sowie der
charakteristische Männerkopf im Hinter-
grund des Tempelgangs. Im allgemeinen
aber sind die Hauptpersonen konventionell
behandelt, sowohl Frauen als Männer,
die alte Magd bei der Geburt Mariä wie
der hl. Joseph bei der Darstellung. Kon-
ventionell im höchsten Grad ist namentlich
auch die Krönung Mariä ans der Dar-
stellung im Tempel, welche dein analogen
Gegenstand auf der Marienbasilika im
Großen und Ganzen entspricht?) Die
Gewandbehandlung, auf welche Schröder
so großen Werth legt, war damals allen
Künstlern gemeinsam und darf nicht als
Kriterium benützt werden. Ganz verfehlt
sind aber die Verweise auf die Eichstädter
Grablegung der hl. Afra, denn dasselbe
ist blos irrthümlicherweise Holbein zugc-
schrieben worden, wieder in Folge eines
gefälschten Monogramms. Alle Formeil
sind hier runder, vollkomillener, die Kom-
position konzentrirter, die Figuren besser
gezeichnet, die Technik ist feiner, klarer
und das Durchbrechen einer neuen Zeit
kündigt sicb schon durch die Ornamentik
auf deiil Stuhle des Thronsessels bei der
Krönung an. Das alles kann ilicht inner-
halb drei Jahren anders geworden seiii,
die Entwicklung eines Künstlers kann in
zivei bis drei Jahren keinen solchen pro-
gressiven Fortschritt gemacht haben, lvie
wir es bei diesen Bildern sehen.

Der weitere Hinweis auf die Figur bei
der Beschneidnng im Augsburger Dom,
welche ganz entsprechend, sowohl auf dein
Kaisheimer Bild als auch bei der Taufe
des hl. Paulus (Katharinenkloster) dar-
gestcllt sein soll, ist unzutreffend, indem

*) Ganz richtig sagt Stoedtner S. 25: „Wir
bemerken schon in einigen Figuren andeutungs-
weise, wie der Künstler sich bemüht, von den
überkommenen Typen, welche ihm die
kölnisch-flandrische Schule bot, abzusehen und
Personen ans seiner Umgebung zu porträtiren."

allerdings Holbein bei den zuletzt ge-
nannten Bildern das gleiche Modell be-
nützt hat, damit aber die entsprechende
Figur des Donibildes keineswegs überein-
stimmt. Die Figlir ist den Kupferstichen
Israels von Meckenen entlehnt, aus desseil
Marienleben der Künstler den Vorwurf
eutnommen hat. Es ist ganz und gar
unstatthaft, glauben zu machen, Meckenen
habe seine Kompositionen den Original-
entwürfen Holbeins entnommen, wie
Stoedtner und mit ihm LehrsJ) anuimmt.
Die Kupferstiche Schongauers ilud Mecke-
uens gingen damals in alle Welt und
wurden von den Malern ganz beliebig
benützt. Auffallend ist allerdings, daß die
Dombilder mit einer Ausnahme von der
Gegenseite kopiert sind, doch kann das
eine andere Ursache haben.

Aus den nächsten Jahren finden sich
keine Gemälde Holbeins. Erst anl Ende
des Jahrhunderts tritt uns der Name des
Künstlers wieder entgegen und zwar auf
zwei Gemälden, nämlich auf bem Bilde
der sog. Uasilica La. Maria Maggiore
in der Augsburger Gallerte und auf einem
kleinen Madonnenbild in Nürnberg. Eilt
anderes, am gleichen Ort befindliches Bild,
das Epitaphium der Geschwister Vetter
aus dem Katharinenkloster, wurde in Folge
der von Eigner gefälschten Urkunden, gleich-
falls mit Holbein in Verbindung gebracht,
es kann sich hier aber nur uni eine
Gesellenarbeit handeln. Ganz treffend
sagt Stoedtner: „In einem einzigen Jahre
muß er dreimal seinen Stil ändern, drei-
mal mit seinen Typen wechseln, dreimal
mit ganz verschiedenen Farbengnalitäten
arbeiten. — Einmal soll er Anhänger der
Eyckschen Schule sein, dann Anleihen bei
Schonganer machen und schließlich Alt-
Kölner von reinstem Wasser werden!" —

Wir müssen die beideil mit Namen
versehenen Bilder mit der kritischen Sonde
betrachten und dann werden sofort Zweifel
entstehen an der Aechtheit der beiden In-
schriften. Bekanntlich lesen wir an der
Glocke auf dem Thurm der Marienbasilika
die Inschrift HANS'HOLbA und auf
der zweiten Glocke 1499. Eine weitere
räthselhafte Inschrift steht oben an der

') Katalog der Kupferstiche des Gerin. Mu-
seums 1888.
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