Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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Wir haben also gesehen, daß seit 1493
kein Gemälde mit Sicherheit Holbein d. Ae.
zugeschrieben werden kann, wir somit
lediglich keine Anhaltspunkte stilkritischer
Vergleichung in Händen haben um ein
von allen seinen dokumentirten Arbeiten
so weit zurück liegendes Bild für ihn in
Anspruch zu nehmen. Mit den Arbeiten
Zeitbloms haben aber die Weingartner
Bilder am meisten Aehnlichkeit, das haben
schon vor mir Bayersdorferl) richtig er-
kannt, ebenso Dahlke2). Das was Dr.
Schröder gegen meine Beweisführung an-
zuführen weiß, ist nicht stichhaltig, die
Augsburger Bilder sind so modern übermatt
und zwar so stark, daß Stoedter sich von
dem schönen Mädchengesicht hat täuschen
lassen, welches bei der Geburt der Maria
fiep anschickt, die Thüre in den Keller zu
öffnen um einen frischen Trunk zu holen.
Das Köpfchen erinnert ihn stark au
Deffregger'sche Gestalten und er hat recht.
Niemals wird man Holbein oder Zeitblom
einen solchen Anachronismus znschreiben
wollen.

Auch ich selbst habe mich früher täu-
schen lassen, indem ich die Bilder für
moderne Kopien altdeutscher Gemälde hielt
und denselben keine weitere Aufmerksam-
keit geschenkt habe. Also ans dem Colorit
und den Gegensätzen von Licht und Schatten
darf man keine Schlüsse ziehen, ein Stu-
dium der Photographien dagegen muß
jeden Unbefangenen auf Zeitblom führen,
dessen Arbeiten ungemein viel Neberein-
stimmung zeigen.

Schließlich kommen wir noch zur Jn-
schriftfrage. Leider läßt die Verwend-'
ung des betreffenden Bildes als Altar-
gemälde eine genaue Untersuchung der
Inschrift nicht zu, vom gewöhnlichen Stand-
punkt des Beschauers aus ist dieselbe gar
nicht bemerkbar. Aber ich glaube, wir
können auch ohne die Schriftcharaktere zu
kennen, deren Fälschung Nachweisen. Zu-
nächst ist daran zu erinnern, daß die
Bilder von Eigner ums Jahr 1860 3) re-
staurirt worden sind; einer Erwähnung
derselben in der kunstgeschichtlichen Lite-
ratur erfolgte meines Wissens erstmals in

') Katalog der Gemälde im Germ. Museum
S. 29.

2) Repert. IV. S. 362.

3) Lotz II. 1863 kennt die Bilder noch nicht.

Naglers Mouogrammisten III. Bd. 1863,
dort steht wörtlich zu lesen: „Merkwürdig
sind zwei Gemälde, welche neuerlich durch
den Archivar Th. Herberger nach Augs-
burg kamen und für den Dom erhalten
wurden". — Alis dem Bilde der Be-
schneidung bemerkt man unter den Zu-
schauern die Figuren eines Mannes und
einer Frau, welche Porträte zu sein schei-
nen. „Vom Gürtel der Frau herab
hängt ein schmaler Streifen bis zum Bo-
den herab und ans diesem steht in golde-
nen Buchstaben: faul. Erhärt. Pilthauer .
1495 . Hanns . Holbain . Maler. O Mater.
M serere. Nobis. Dann wird noch die
Madonna von Samm auf Mergenthau
erwähnt, deren Inschrift wieder eine grobe
Fälschung Eigners ist und schließlich wird
gesagt der Name Holbeins finde sich auch
in den Kirchenrechnnngen von St. Moritz
zu Augsburg von 1502 — 1508, zugleich
mit dem Bildschnitzer Gregor Erhard und
Adolph Dawher. „Erhard wohnte da-
mals in Kaisheim sowie Holbein, was
ans der Kaisheimer Chronik hervorgeht."

Mau sieht, Nagler war bezüglich dieser
Mittheilungeu ganz und gar auf Eigner
angewiesen, denn man findet in den Rech-
nungen von St. Moritz keine Bildschnitzer
Gregor Erhard und Adolph Dawher, und
auch die Kaisheimer Klosterchronik weiß
nichts von einem Bildhauer Erhard. Die
betreffende Stelle lautet: *) „Dieweil aber
dieser Abt Görg ain sonder lust hatt zu
pauen und nemlich zu dem gottshaus zier,
hat er im Jahr MCCCCCII ain costlich
chortasfel laßen machen, daran die besten
3 Maister zu Augspurg haben gemacht,
als sr> zu der Zeit weit und prait mochten
sein, der schreiner maister Adolf Kästner
in Kaisheimerhof, pildhauer maister Gre-
gori, der Maler Hans Holpain. Diese
tafsel gestond vil geldts."

Also auch hier wieder nichts als grobe
Fälschungen Eigners. Ein Bildhauer
Erhard ist mit Holbein nicht in Verbind-
ung zu bringen und kommt in den Augs-
burger Künstlerregistern nicht vor. Da-
gegen ist in Ulm ein Michel Erhärt als
Bildhauer von 1469 — 1518 nachweisbar;
er kommt speziell in dem Zinsbuch der
Pfarrkirchenpflege von 1491—1496 vor

') Woltmann I. S. 51 Anmerk.
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