Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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behandelt. Zu demselben hat Ca spart in den
Neutlinger Geschichtsblättern IX, S. 36-89
Nachträge geliefert. Letzterer zählt ziemlich will-
kürlich der Fainilie zu einen Glockengießer Jos
1400 oder 1408. Die nnttlere Glocke in Weiler,
OA. Weinsberg, hat die Umschrift: MCCCCVII1.
Joos, Glockengießer. Ave Maria. Caspart
theilt mit die Umschrift der Betglocke des Ulmer
Münsters: durch unser frown er lut man mich,
Hans eger von ruitlingen gos mich, lucas.
Marcus. Matheus. johannes. anno Domini
m. cccc. L. IM. (1454) und daß Hans der
Glockengießer in Ulm 1454 20 fl. für Glocken
erhielt. Ob die weiter von Caspart ange-
führten Glocken, so die zweite in der Heilig- >
kreuzkirche in Gmünd, eine Glocke zu Remmings- !
heim, OA. Rottenburg, und die zweite der sechs !
Glocken in der Stiftskirche zu Tübingen, welche j
alle, wie die von Hans Eger gegossenen Glocken,
die Namen der vier Evangelisten lucas, marcus,
matheus, iohannes enthalten, aber den Gießer
nicht nennen, Werke des Hans Eger sind, ist doch
sehr fraglich. Das gleiche gilt von der größten
der vier Glocken der St. Peterskirche in Duß-^
fingen von 1472, der größten der drei Glocken
der St. Stephnnskirche in Moehringen, OA.
Tübingen, und der zweitgrößten daselbst sowie
den beiden größeren in Pliezhausen, welche alle
die vier Evnngelistennamen lucas. marcus.
matheus. iohannes trage» und deshalb nach
Caspart Werke der Familie Eger sein sollen.
Caspart führt weitere Werke des Glocken-
gießers Jos. Eger an. Die zweite der vier
Glocken in Ofterdingen hat die Inschrift: me

resonanie pia populo memento maria im XVC
unt II jar (1502) gos mich jos eger, die große
Glocke in Milsdorf, OA. Sulz: 1507 gos mich
Jos Eger von Ritlingen'), die größere der beiden
Glocken zu Ilndiugen, OA. Reutlingen, in gothi-
fcher Schrift: Johannes, matheus, lucas, marcus,
MCCCCClis jar (1509) goS mich jos eger von
ruitlingen. Die genauere Umschrift in deutschen
Minuskeln am oberen Rande der größten der
vier Glocken zu Steinhofen, preuß. Oberamt
Hechingen, die unken einen Durchmesser von
einem Meter hat und ebenso hoch ist, lautet:
m 7 ccccc -j- und XII jar ch deo 7 gratias -J-
iohaunes -j- matheus f lucas f marcus ch, am
untern Rande: alma •]- virgo ch virginum 7
lntercedat ch pro ch nobis y ad | suum -j- di-
lectum -j- filium gos 7 mich -|- jos f eger f
von t ritlingen.

Nachdem die Familie Eger aus Reutlingen 1
verschwand, hört man lange nichts mehr von !
einem Glockengießer daselbst.

Johannes Kurtz, geb. 23. Mai 1681 in
Reutlingen, zog weit in der Welt umher, war '
in den Niederlanden, Frankreich und Spanien, i
um die damals neuen Verbesserungen aus dem
Grunde kennen zu lernen. Er hatte unter anderin
lange Zeit zu Lüttich als Geselle gearbeitet.
Sept. 1709 kehrte er heim. Stolz ritt er auf
einem stattlichen Friesländer in die Stadt. Der
junge Meister ivar der einzige weit und breit.
Aus allen Orte» kamen Bestellungen. Bis dahin I

>) Keppler, württ. kirchl. KunstalterthümerS. 332.

verstand man die Glocke» nicht so bequem zu
gießen. Cr mußte ein ganzes Haus von Ge-
sellen und Lehrlingen annehmen. Der Verdienst
überstieg alle Erwartungen. Doch hat sich keine
der von ihm gegossenen Glocken erhalten. Von
1726 bis 1733 war er Zunftmeister derSchnüede-
zunft. Er wurde reich, kam aber durch den
großen Brand 1726 um sein ganzes Vermögen.
Nach demselben richtete er sich mit seinem Hand-
werk ein, so gut es ging, goß wieder Glocken
und nährte sich redlich. Auffallend ist, daß nicht
er, sondern die Schmelz aus Biberach die
Glocken nach dem Brande gossen. Doch war der
damalige Amtsbürgermeister Philipp Schmied
sein persönlicher Feind. Johannes Kurtz starb
22. Juli 1762. Sein Sohn Franz Kurtz, geb.
10. Sept. 1710 in Reutlingen, erlernte die edle
Gießerei, ging 1732 in die Fremde, trat als
Geselle beim Glockengießermeister Woltmann
in Attendorn (preuß. Reg.-Bezirk Arnsberg,
Prov. Westfalen) ein, wurde nach seiner Rück-
kehr wie der Vater Glockengießer in Reutlingen,
war 25. Okt. 1746—1749 Schmiedezunftmeister
und starb 23. März 1798. Auch von ihm sind
keine Glocken mehr erhalten. Sein Sohn Jo-
hannes Kurtz, geb. 13. Dez. 1737 in Reutlingen,
war ebenfalls in Reutlingen Glockengießer, 1791
bis 1792 Stadtrichter. Als 25. Juni 1803 der
Reutlinger Rath reorgnnisirt wurde, kam er ins
Stadtgericht, während die meisten Stadtrichter ab-
treten mußten, ein Zeichen, welches hohen An-
sehens er sich bei dem neuen Regiment erfreute.
Er starb 8. Januar 1824. Von ihm sind Glocken
erhalten. Auf der großen Glocke in Bronn-
weiler, OA. Reutlingen, steht: „Hans Kurtz,
Spend- und Heiligenpfleger in Reutlingen hat
diese Glocke gegossen anno 1782 unter Herrn
Johann Jacob Baur, Pfarrer, Joh. Gg. Kemm-
ler, Schultheiß, Sebastian Benz, Bürgermeister,
Johannes Schäfer, Richter." Außer demKurtz-
sche» Wappen und dem von Bronnweiler (Brezel,
worin die Buchstaben B. W.) sind noch eine
Menge biblischer und weltlicher Darstellungen in
den ober» und untern Glockcnkranz cingegossen.
Johannes Kurtz und Sohn in Reutlingen gossen
1811 die kleinste Glocke in Mössingen, OA.
Rottenburg, 1821 die größere in Fluor», OA.
Oberndorf, und 1823 die größte in Oberndorf,
OA. Oberndorf. Dieser Sohn war Christoph
Jacob, geb. 14. Juli 1775, f 13. Mürz 1813
Nachmittags 12 Uhr nach beinahe einjähriger
Krankheit an der Luugensucht. „Die künftig zu
machenden Bestellungen unter der Firma Jo-
hannes Kurtz u. Sohn sollen pünktlich besorgt
werden", heißt es in der Traueranzeige. Somit
bestand nach seinem Tode die Firma Johannes
Kurtz und Sohn fort. Mit dem Tode des
Johannes erlosch sie 1824. Diese Kurtzsche
Glockengießerei befand sich in der Wilhelmsstraße
im Hause, das später dem Kaufmann Joh. Jakob
Fehl gehörte. Ter Bruder des Johannes
Kurtz und Sohn des Frantz Kurtz, Christian
Adam Kurtz, geb. 25. Dez. 1746 in Reutlingen,
war ebenfalls Glockengießer in Reutlingen.
Kurtz in Reutlingen goß 1810 die dritte Glocke
in Geislingen, OA. Balingen. Dieses wird wohl
sein Bruder Johannes Kurtz sein, denn erst am
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