Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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auf der Brust eilten kostbaren Diamanten-
schmuck, von den Hüften ab einen Sammt-
rock, von goldenen Fransen eingefasst, der
von einem meisterhaft gearbeiteten goldenen
Gürtel gehalten wird.

Wie in jüngster Zeit der Schweizer j
Aialer Wüscher-Bechi bei dem Anblicke des .
Volto Santo in Lucca sogleich das Vor-
bild zu jenem Küinmernisbilde erkannte,
das er mit anderen Wandgemälden zn
Stein am Rhein restaurirt hatte, so hat
schon im Jahre 1tt87 in einem Schreiben
an den Jesuiten Papebroch Baron Julius
von Blnn, welcher den Volto Santo in
Lncca gesehen hatte, die Meinung ausge-
sprochen, daß die Kümmernisbilder nichts
anderes seien als Kopien des Volto Santo.
Ebenso bestimmt sprach sich 1781 der ge-
lehrte österreichische Jesuit Anton Pilgram
aus, daß die Kümmernisbilder oder Wilge-
fortisbilder ursprünglich den Gekreuzigten
darstellen. Daß die KümmerniSbildcr ur-
sprünglich auf den Volto Santo von Lncca
znrückgehen, dafür lassen sich hauptsächlich
folgende Gründe gellend machen. Eine
Reihe von Einzelheiten, welche ganz charak-
teristisch für den Volto Santo sind, finden
sich bei älteren Kümmernisbildern wieder,
so zunächst der halbkreisförmige, in Lilien- j
ornamenten endigende Vogen, welcher das
Haupt des Volto Santo umgibt. Wirj
finden denselben sowohl auf dem ältesten
Schweizer kümmernisbild an dem Thurm >
von Oberwinterthur, wie an dein Bilde
in Stein am Rhein und dem Bilde von
S. Gangolf in Bamberg. Auch an dem
späteren, wohl dem 18. Jahrhundert an- !
gehörenden Bilde von Dietersheim an der i
Rahe ist er noch angedentet. Charakteri-
stisch ist weiter, daß auf einer ganzen Reihe
von Kümmernis- oder WilgesortiSbitdern
die Figur nur an Einem Fuß einen Schuh
hat, während der andere Schuh einem
vor dem Bilde knieenden Manne — oft
einen Geiger darstellend — zufällt. Dieser
Zug weist auf den Volto Santo von Lucca
hin. In einem Broncesiegel ans dem
lck. Jahrhundert finden wir den Volto
Santo abgebildet mit einem Kelch, durch
den der rechte Schuh anfgehalten wird,
und noch heute erblickt man so den Volto
Santo in Lncca. Die Erklärung bietet
uns ein Schriftsteller, welcher wahrschein-
lich von den deutsche» Kümmernisbildern

und der an den Geiger anknüpfende»
Legende keine Ahnung hatte: der Bischof
Angelus Rocca in seinem 1 (>()9 zu Rom
erschienenen Buch über die Krenzpartikel.
Dort lesen wir, daß der Volto Santo
einst seinen rechten Schuh einem Mann,
der vor ihm betete, zugeworfen haben soll.
Zum Andenken daran wurde der herab-
geworfene Schuh in einem Kelch anfge-
halten; der Werth dieses silbernen, mit
einem goldenen Kreuz gezierten Schuhes
sei dem Beter seiner Zeit in Geld verab-
reicht worden.

Ans Lucca, als den Ausgangspunkt der
, Kümmernisbilder, weist auch die örtliche
' Verbreitung der letzteren. Aus den ro-
I manischen Ländern hauptsächlich wissen wir,
daß die Lnccheser Tuch- und Seidenwaaren-
händler, welche im 14. und 15. Jahr-
hundert das Abendland durchquerten, in
ihren Hauptkolonien Kopien des Volto
Santo verehrten, welche St. Vaudelnc in
Frankreich hieße», lieber die Züge solcher
italienischer Händler, besonders auch der
Lnccheser, in Süddeutschland sind wir jetzt
trefflich unterrichtet durch das sehr gründ-
liche Werk von Professor Aloys Schulte
aus Breslau über die Geschichte des mittel-
alterlichen Handels und Verkehrs zwischen
Westdeutschland und Italien.

Auf den alten Handelswegen, die von
Italien über die Alpen führten, treffen
wir nun gleichsam als alte Wegweiser
nicht wenige Kümmernisbilder. So finden
sich solche an der Gotthardstraße im Kan-
ton Uri zu Erstfelden, zn Bürglen bei
Altdorf, ferner in Schwyz, in Steinen
bei Schwyz, in Baar und Schönbrnnn
im Kanton Zug, in der Nähe von Luzern
zn Erlen und Nüdiswil, wie zn Wohl-
hnsen, weiter in der zn dem Bodensee
führenden Straße in Oberwinterthnr. Am
Fuße der westlichen Simplonstraße befand
sich bis vor etwa 20 Jahren ein Küm-
mernisbild zn Rätters bei Brig, dann
weiter nach Norden eins zn Freiburg in
der Schweiz, wo eine urkundlich bezeugte
St. Vnltkapelle von dem 14. bis 17. Jahr-
hundert nachweisbar ist. Daß ans diesen
Straßen große Lücken jetzt vorhanden sind,
darf uns nicht befremden. In den prote-
l stantischen Gegenden sielen die Bilder in
j den Zeiten der Glanbenskämpfe des 1 <1.
. Jahrhunderts wohl bald dem Bildersturm
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